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Thema: Achtsamkeit und MS

Die schöne österreichische Natur

Achtsamkeit für alle – und wo bleibe ich?

Was bedeutet Achtsamkeit eigentlich? Googelt man das Wort findet man gleich einmal die Erklärung von Wikipedia die folgendermaßen lautet: „Achtsamkeit ist einer Form der Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse und Belangen anderer Menschen.“ Besser gefällt mir aber die Erklärung auf Wiktonary : „Achtsamkeit ist die innere Einstellung und Bereitschaft, das wahrzunehmen, was einem begegnet.“ Ich denke, ich bin - so wie viele andere – ein sehr achtsamer Mensch.

Ich achte darauf, dass die Kinder warm angezogen sind (auch wenn sie mir regelmäßig erklären „Mama, nur weil dir kalt ist, brauchen nicht wir uns warm anzuziehen“) und genug Jause eingepackt haben. Sich durch die Legosteine balancierend, Wäsche suchend und zwischendurch die Schulsachen nachbringend und nachmittags die Aufgabe überwacht -und so verbringe ich einen Teil vom Tag - so wie die meistens Mamas eben. Nur das es für mich oft sehr mühsam ist. Den vergessenen Bikini bei 38 Grad mit dem Fahrrad nachbringen, ist für mich einfach nur anstrengend und der Besuch im Freizeitpark eine permanente Suche nach einem Bankerl zum Sitzen. Aber ich möchte, dass meine Kinder glücklich sind und da steht die Achtsamkeit mir gegenüber einfach hinten an.

Auch in meinem Job bin ich achtsam, flitze von hier nach da, damit meine Patienten gut versorgt sind. Erfülle gerne Extrawünsche und erkläre ihnen, wie wichtig es ist, auf sich zu achten und auf seinen Körper zu hören (meinen überhöre ich dabei ganz gern mal). Dass mich jede Bettdecke Kraft kostet und ich Fieberkurven oft 3 oder 4 mal in die Hand nehme, um nur ja nichts zu übersehen, daran denkt wahrscheinlich keiner. Oft möchte ich mich am Liebsten ins nächste freie Bett legen, weil ich so müde bin.

Natürlich achte ich auch auf Freunde, für ihre Probleme da zu sein. Immer für ein Gespräch oder Hilfe bereit. Auf Kinder aufpassen – kein Problem. Irgendwas für andere besorgen – geht klar. Irgendwelche Dienste übernehmen – natürlich. Mir selber Hilfe holen – fast nie. Aufmerksam meiner Umgebung gegenüber, um ja keine alte Dame zu übersehen, der man über die Straße helfen könnte, aufspringen wenn jemand im Bus einsteigt (auch wenn ich den Sitzplatz selbst dringend brauchen würde).

Und ja, ich mache all diese Sachen wirklich gerne und werde sie bestimmt noch weitermachen, weil „nein“ sagen kann ich bis heute nicht.

Bei all diesen Dingen verliert man aber etwas sehr Wichtiges aus den Augen – nämlich sich selbst. Hier gibt es einen Spruch, der das Problem sehr treffend zusammenfasst:

„Wenn du versuchst, es allen recht zu machen, hast du mit Sicherheit eine Person vergessen – Dich!“

Wenn der Körper schreit: Hey du, schau mal auf DICH!

So leicht es mir fällt, anderen gegenüber achtsam zu sein, so wenig kann ich es mir gegenüber sein (ich finde ja ich habe mich diesbezüglich schon sehr gebessert – die Aussage kostet meinen Freunden jedoch nur einen Lacher).

Die Sonne spiegelt sich in dem See

Wahrscheinlich (ganz sicher sogar) sollte man nicht nur den Bedürfnissen der anderen gegenüber offen sein, sondern auch seinen eigenen gegenüber und endlich mal wahrnehmen, was einem der eigene Körper – wahrscheinlich schon in Heavy Metallkonzertlautstärke – versucht zu sagen: Hey du, schau mal auf dich, geh nicht so unachtsam mit dir um.

Weil man sagt ja, gerade bei Multipler Sklerose sollte man mehr auf sich schauen und sich nicht so stressen und vor allem auch an sich denken. Aber ich glaube, genau da liegt bei mir die Angst. Ich habe vor langer Zeit einmal von einer Kollegin gehört, dass MS - Patienten sich ganz typisch verhalten – sie sind raunzig, brauchen ständig etwas und sind total ichbezogen (man muss zu ihrer Verteidigung sagen, sie wusste nichts von meiner MS). Seitdem versuche ich, möglichst wenig zu brauchen, entschuldige mich für jedes Raunzen und stell mich selbst ganz hinten an, damit ich nur ja nicht als ichbezogen dastehe.

Nähen – ein Punkt auf meiner „achte mehr auf dich to-do-Liste“

Ich denke, dass vielleicht viele MSler auch so denken, so viel wie möglich selbst zu schaffen, nur nicht zur Last zu fallen, egal ob der eigene Körper bereits nach Beachtung schreit.

Ja, klar weiß ich, was gut tut und Entspannung bringt, aber ich nehme mir nicht die Zeit dafür (fragt mich nicht, wie oft ich mich im Herbst schon in die Badewanne legen wollte und es NICHT getan habe).

Karin ihre Katze vor ihrer Nähmaschine

Vielleicht wäre es auch an der Zeit, sich selbst zu zu gestehen, dass es ok ist, gewisse Dinge  machen zu können und andere aber nicht. Das betrifft besonders mein Hobby. Meine große Leidenschaft ist das Nähen. Dabei kann ich komplett abschalten und zur Ruhe kommen. Die Aussage, Nähen ist mein Yoga, bringt es definitiv auf den Punkt (auch wenn mir richtiges Yoga konditionstechnisch sicher auch nicht schaden würde, aber das steht eh schon auf meiner „achte mehr auf dich to-do-Liste“) – ich kann stundenlang sitzen und in aller Ruhe zuschneiden, nähen und auftrennen (letzteres ist zwar lästig, aber wie ich finde, extra entspannend). Hier hab ich keinen Zeitdruck und vor allem kann ich hier sitzen (und bei Bedarf und der besteht öfters – einfach auf die Couch fallen) und muss nicht, wie in der Arbeit oder beim Bügeln, Kochen, Waschen und Putzen körperliche Arbeit verrichten.

Das zu verstehen ist für andere aber besonders schwer. Die Sätze“ Nähen kannst du, aber den Haushalt schaffst du nicht?“ oder „Du schaffst es hinter der Nähmaschine zu sitzen, aber deinen Job schaffst du nicht mehr? Wie soll ich mir gegenüber achtsam sein, wenn Einige in meinem Umfeld mir zu verstehen geben, dass das was mir gut tut, dieselben Sachen sind wie die, an denen ich scheitere und an meine Grenzen stoße? Darf ich von meinen guten Tagen nicht erzählen, weil mir dann die schlechten nicht geglaubt werden?

Der Berg ruft meine innere Ruhe – ich muss nur endlich drüber reden

Eine ähnliche Diskrepanz tut sich bei Gehdistanzen auf. Wie ist es anderen zu erklären, dass ich es an manchen Tagen (nicht immer – ich saß auch schon verzweifelt am Bankerl) schaffe, auch längere Strecken zu spazieren aber an einem Bummel über den Christkindelmarkt scheitere? (Ich find dieses Rumstehen und sich mit der Menschmasse von Stand zu Stand in der Kälte mit schieben lassen, total anstrengend)

Ein Blick in den Park

Dass ich von einem Spaziergang oder einer kleinen Wanderung (und da meine ich Lift rauf, eine kleine Runde gehen und Lift wieder runter) aber sehr positive Energie schöpfe – Österreich hat so viele wunderbare und kraftspendende Orte, ich liebe die Berge und die glasklaren Seen. Die innere Ruhe, die ich im letzten Kärntenurlaub gespürt habe, hat einfach nur glücklich gemacht. Und gleich danach kommen schon die Zweifel. Darf ich erzählen, wie toll es auf dem Berg war? Darf ich ein Foto posten, wie ich am Gipfel stehe (egal wie ich da raufgekommen bin)? Darf ich überhaupt spazieren gehen oder gibt’s dann wieder die Zweifler und Nichtversteher, dass es einfach einen Unterschied macht, ob man in der Arbeit den ganzen Tag von Patient zu Patient läuft, oder ob man das Tempo und die Pausen selbst bestimmt und bei einer kleinen Runde durch die Natur einfach die Seele baumeln lässt? Manchmal wäre ich gern achtsam, traue mich aber nicht.

Enten im Wasser

Besinnlichkeit ins Weihnachtspackerl

Vielleicht wäre es gut, die Vorweihnachtszeit als das zu nützen, was sie ist: – ruhig und besinnlich und sich die Zeit zu nehmen, aus dem hektischen – ich muss noch schnell die wollenen Strümpfe für die Tante Mitzi besorgen und 1000 Geschenke verpacken und es unbedingt allen Recht machen - Alltag auszubrechen und ein wenig die Achtsamkeit auf sich selbst zu lenken. Sich Spaziergänge im Schnee (ja, sowas gibt’s in den Bergen Österreichs) ohne schlechtes Gewissen erlauben und auch, wenn die Weihnachtsmärkte in Wien sicher sehr stimmungsvoll (voll vor allem, mit viel zu vielen Menschen) sind, so weiß ich eigentlich, dass mir niemand böse ist, wenn ich Weihnachtsmärkte verweigere und stattdessen vielleicht eine Runde Näh-Yoga mache.

gefrorene Bäume

Und vielleicht schaffe ich es heuer, dass die vielen lieben Freunde und Verwandte statt eines Packerln eine Karte bekommen mit: „Ich habe heuer endlich mal an mich gedacht und keineGeschenke mitgebracht.“.