Was suchen Sie?

Thema: Berufe

Gastautor Torsten steht mit seinem Rollstuhl vor Treppenstufen.

Alltag im Rollstuhl

Hallo, mein Name ist Torsten, ich hab MS und sitze seit 12 Jahren im Rollstuhl. Ich weiß jetzt schon, dass ich mir bei einigen meiner „Artgenossen“ keine Freunde machen werde. Aber das ist nicht so schlimm, weil ich nun mal so bin wie ich bin und eben so denke. Ich möchte euch hier meine Gedanken über das Thema Barrierefreiheit in Wort und Bild darlegen und nicht der Masse entsprechen.

Das Thema Barrierefreiheit hat für mich nicht nur mit Rollstühlen zu tun. Barrierefreiheit fängt bei blinden und hörgeschädigten Menschen an und hört bei mehrfachbehinderten Menschen auf. In Deutschland wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Barrieren beseitigt. Zum Beispiel wurden für Blinde an den meisten Ampeln die Drücker mit einem Ton versehen oder in Bahnhöfen und an Bushaltestellen wurden besondere Pflastersteine für den Blindenstock in das normale Pflaster integriert. Natürlich gibt es bei blinden Menschen noch viele Barrieren, aber es wurden in den letzten Jahrzehnten sehr viele abgebaut. Das kann ich beruhigt schreiben, weil ich es fast hautnah erlebt habe, da meine Mutter über dreißig Jahre in einem Internat für Blinde und Sehbehinderte gearbeitet hat und ich nach der Schule dreiviertel meiner Kindheit dort verbracht habe.

Aber jetzt zum Thema „barrierefrei im Rollstuhl“. Ich finde, dass es mittlerweile gar nicht mehr so einfach ist, geeignete Negativ-Bespiele dazu zu finden. Also im Prinzip versauen mir viele gute Gesetze und engagierte Menschen einen Negativbericht, weil es in Deutschland nicht mehr so viel zu „meckern“ gibt, was Barrierefreiheit angeht. (Den letzten Satz sollte man nicht so ernst nehmen, bitte- das ist mein Humor.)

Holzrampe vor einem Fahrgeschäft auf einer Kirmes

Das Thema Aufzug. Ja, was soll ich sagen, ich finde es komisch, dass in Häusern, in denen man es eigentlich nicht unbedingt erwarten würde, wie Bürogebäude, ein Aufzug mit einem schulterhohen Bedienteil ist. Ich würde es eher von Krankenhäusern oder öffentlichen Gebäuden erwarten können, wo es das aber oft nicht gibt. Ich war letztens in einem Krankenhausaufzug, in dem ich mich gefragt habe, ob ich mir zum Bedienen der Knöpfe etwa einen extra Aufzug in dem Aufzug oder einen Hublifter für die Bedienung besorgen muss? Mir passiert es immer wieder, dass ich in einem Aufzug stehe und mich frage: „Was will uns der Künstler damit sagen?“. Zugegeben, die gezeigten Beispiele sind Extremfälle und nicht die Regel, aber wenn doch ein Aufzug neu gebaut oder restauriert wird, warum kann man bei der Planung dann nicht mal das Gehirn einschalten? Die Aufzüge auf den Bildern sind allesamt neu und restauriert. Da haben sich die Planer „echt Mühe“ gegeben.

Torsten versucht an hohe Knöpfe eines Aufzugs dranzukommen
photo

Dass es auch anders geht, zeigt das Bild von einer „Hebebühne“ in einem alten Fachwerkhaus. Da man bei Häusern, die unter Denkmalschutz stehen, nicht einfach einen Aufzug einbauen kann oder darf, finde ich  so eine Lösung perfekt, besser geht es nicht. Man sieht an diesem Bild, das sich die Herrschaften ersthafte Gedanken gemacht haben. Danke an meine Stadt.

Torsten auf der Hebebühne in einem Fachwerkhaus

Das ewige Thema BAHN FAHREN. Für viele Menschen im Rollstuhl ist es oft nicht möglich, spontan mit der Bahn zu fahren. Bei mir am Bahnhof ist es zum Glück nicht ganz so schlimm. Wenn ich zum Beispiel ins Ruhrgebiet fahren möchte, ist das normalerweise kein Problem. Das liegt aber nur daran, dass die Züge  von einem privaten Anbieter  sind und dass ich weiß, welcher Bahnsteig barrierefrei ist und welcher nicht. Die Deutsche Bahn hat seit vielen Jahren eine Hotline, bei der man sich 24 bis 48 Stunden vor Beginn der Reise anmelden muss, damit man auch „ohne“ Probleme ans Ziel kommt. So weit, so gut, aber da wären wir wieder bei der Spontanität, die ist dadurch nicht gegeben.

Torsten beim Einsteigen in einen Zug mit barrierefreiem Zugang

Kopfsteinpflaster, die Hölle eines jeden Rollstuhlfahrers. In einer schönen kleinen Altstadt ist es jedoch nicht wegzudenken.

Torstens Rollstuhl auf Kopfsteinpflaster

Zum Abschluss möchte ich noch Folgendes bemerken: Zum Glück gibt es Menschen, die sich für mehr Barrierefreiheit einsetzen. Sonst wäre es nicht so, wie es bei uns ist. Ich finde, es gibt hierzulande nicht mehr so viel, was man wirklich bemängeln kann. Wir leben in einem Land, in dem nicht mehr wirklich viele Barrieren vorhanden sind. Wenn ich mir andere Länder so anschaue, die auch nicht arm sind, sieht das mit der Barrierefreiheit leider anders aus. Ich bin der Meinung, wir können froh sein, dass wir Menschen um uns herum haben, die sich für Menschen mit Behinderung so einsetzen. Danke dafür!

Euer Torsten

GZDE.16.10.1284