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Thema: Internet

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aufgeschlagene Bücher, Notizen und ein Stift

Am Ende wird alles gut

Als ich im Mai 2011 meine Diagnose, meinen Stempel „Multiple Sklerose“ bekommen habe, war ich geschockt und verunsichert. Was würde jetzt geschehen, wie geht es weiter, wie lange dauert es, bis ich im Rollstuhl sitze und wann kann ich damit starten, meine Beerdigung zu planen?

Kein Witz, diese Gedanken und noch mehr gingen mir durch den Kopf und langsam hatte ich begonnen mich damit abzufinden, dass mein Leben jetzt halt vorbei ist. Schade, schade, aber so ist es halt nun mal…

Aus dem Krankenhaus entlassen und wieder einigermaßen Herr meiner Sinne, habe ich mich an den ultimativen Privatarzt gewendet. Doktor Google würde mir bei meinen Fragen, die ich in der Klinik nur unzureichend beantwortet bekommen habe, schon helfen! Ehrlich und schonungslos würde mir bestimmt bald aufgehen, mit was ich nun tatsächlich zu rechnen hatte. Schließlich war ich auf alles vorbereitet und nun wollte ich sie wissen, die Wahrheit, alles Schlechte, ich würde damit zurechtkommen!

Garantiert habt Ihr auch schon mal „Multiple Sklerose“ in diversen Suchmaschinen eingegeben und bestimmt seid Ihr auch auf mehr oder weniger zweifelhaften Seiten gelandet! Nicht genug, dass diese Suchmaschinen Euch Vorschläge machen, nein, Facebook tut es im Anschluss auch! Ich bekam den Vorschlag, die Seite „Bestattungen in der Natur“ zu liken. Da dürfte ich mir einen Baum aussuchen unter dem ich beerdigt werden will. Der frühe Vogel und so. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst und der schönste Baum ist noch frei! Hey, wie umsichtig! Das wollte ich dann erst mal noch nicht und so wurde ich etwas zuversichtlicher, als mir ein Buch einer „ehemals“ an Multiple Sklerose leidenden Autorin vorgeschlagen wurde. MS ließe sich heilen, tatsächlich! Mit einer simplen Ernährungsumstellung! Wieso hatte man mir das in der Klinik nicht gesagt? Klar! Die Ärzte arbeiten ja schließlich mit den bösen Pharmafirmen zusammen, die gar nicht wollen, dass man wieder gesund wird, denn mit uns lässt sich ja bares Geld machen…. Was für ein Bullshit!

Jetzt wollte ich es wissen! Ich habe mir ein Video angeschaut. Da war eine junge Frau zu sehen, die sich nur noch kriechend fortbewegen konnte. Derjenige, der das gefilmt hatte, kam wohl erst nach zehn Minuten darauf, der jungen Frau mal zu helfen, denn so lange dauerte das Video! Millionen Klicks hatte das Filmchen! Natürlich vor und während der „Aufführung“ unterlegt mit Werbung und ich hoffe, dass die arme Frau mit dem vielen Geld, das sie dadurch verdient, endlich einen Arzt in Übersee findet, der sie, wie auch immer, von ihrem Leiden erlöst…

Kommt Zeit, kommt Rat. Wochen und Monate gingen ins Land und als mir mein Neurologe in der MS-Ambulanz eröffnete, dass ich eine hochaktive Multiple Sklerose habe und mir eine Eskalationstherapie vorschlug, konnte ich gar nicht glauben, dass es mir dafür, nach allem was ich im Internet gelesen und gesehen habe, doch noch so gut ging.

eingerahmte, mutmachende Sprüche an der Wand

Ich habe aufgehört nach dem Begriff „Multiple Sklerose“ im Netz zu suchen und beschlossen, selbst was zu schreiben. Schreiben hat mir in einer schwierigen Situation schon mal geholfen und schaden konnte es ja nicht! Dann gehe ich halt mit meiner Krankheit an die Öffentlichkeit, mir doch egal! Ich werde mich nicht verstecken und ich kann doch auch nichts dafür, dass sich die MS mich als Heim ausgesucht hat, und ich muss mich auch nicht dafür schämen. Also begann ich auf meinem Blog ein Tagebuch anzulegen, über mich und meine ganz persönliche MS. Ich wollte, sozusagen in Echtzeit, über meine Krankheit berichten, mit allem was dazu gehört, offen und ehrlich. Ich habe mich so sehr über die Reaktionen, die ich darauf bekommen habe, gefreut, kam in Kontakt mit anderen MS‘lern und habe festgestellt, dass jeder, der die MS am Hals hat, seine ganz eigene Multiple Sklerose hat. Sie kann sich eben nicht voraussagen lassen. Der eine kann nach dem ersten Schub schon nicht mehr gehen, während der andere nur einen einzigen Schub in fünf Jahren hatte, der gar keine Einschränkungen hinterlassen hat. Hinz hat körperliche Einschränkungen, während Kunz kognitive Probleme hat. Meier hat schlimme Fatigue und Schmidt spürt gar nichts von der MS.

Mein Tagebuch existiert immer noch auf meinem Blog. Geschrieben habe ich dort schon länger nichts mehr, weil es einfach nichts Neues zu berichten gibt. Die MS gehört zu mir, sowohl mit meinen kognitiven Einschränkungen als auch mit der Fatigue. Ich habe gelernt damit umzugehen, und was mich die MS gelehrt hat, ist einfach umsichtiger mit mir selbst umzugehen. Sie hat mich gelehrt, auch mal NEIN zu sagen und sie hat mich gelehrt, mein Leben intensiver zu leben.

Das wirklich einzig Hilfreiche, dass mir das Internet gezeigt hat, ist ein Zitat von Oscar Wilde, das mir täglich meinen Mut und meine Stärke gibt: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

Ich will das Internet bestimmt nicht verteufeln, kann jedem, besonders aber den Neuerkrankten, nur eines raten: Hört auf Eure Ärzte, auf Euren Körper und auf Euer Bauchgefühl, denn das ist immer ehrlich zu Euch! Alternativ lohnt es sich aber immer einfach mal bei uns, den Bloggern von Einblick, reinzuschauen ;-)

GZDE.MS.16.09.1120