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Thema: Angehörige und Freunde

Collage mit sich haltenden Händen und einem Spruch

ANGEHÖRIGE sind auch „Betroffene“

Für mich sind Angehörige auf vielen Ebenen ganz wichtig. Erstens freut sich jeder Mensch, wenn er Angehörige hat – seien es der Partner, Familie, Freunde, Nachbarn oder Kollegen und zum anderen ist es gerade als chronisch Kranker wundervoll, wenn man nicht alleine ist.

Allerdings birgt dieses Wohlgefühl auch seine Tücken, denn meiner Meinung nach ist zwar der Betroffene derjenige, der die „Diagnose“ hat, aber der Angehörige lebt diese Krankheit ja mit. Egal in welcher Beziehung er zum MS`ler steht – er wird automatisch mit der Erkrankung konfrontiert. Und nicht jeder Angehörige schafft das gleichermaßen locker, oder ohne Blessuren davon zu tragen. Ich halte es für ganz wichtig, dass man sich ehrlich und offen austauscht. Es ist beispielsweise für den Erkrankten wichtig zu wissen, dass er sich tatsächlich und WIRKLICH auf den jeweiligen Angehörigen verlassen kann. Das setzt aber voraus, dass der Angehörige weiß, was sich der Betroffene wünscht. Wenn man dazu keine klaren Aussagen trifft, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Missverständnisse gibt, enorm hoch! Und nicht nur Missverständnisse, denn wenn sich die Erwartungen nicht „treffen“ können, kann es schnell auch zu verletzenden Momenten kommen, zu einem Unverstandenfühlen oder gar dem Gefühl der Ablehnung.

rotes Holzherz mich chinesichem Schriftzeichen und Spruch darüber

Ich glaube, diese Beziehung zwischen den beiden „Betroffenen“ ist so lange eine Gratwanderung und verletzlich, bis man sich wirklich ausspricht.

Mir ist es beispielsweise immer sehr wichtig, dass mein Mann versteht, wie schrecklich und abgrundtief schlimm meine Fatigue sein kann, da sie ja manchmal aus heiterem Himmel erscheint. Ich bin dann einfach darauf angewiesen, dass er mir in solchen Momenten ohne „Wenn und Aber“ glaubt, dass es mal wieder soweit ist, ich mich SOFORT zurückziehen und hinlegen muss. Ich könnte mich in solchen Situationen nicht auf Diskussionen einlassen, da mir schlicht und ergreifend dazu dann die Kraft fehlt. Das ist schon ein großes Vertrauen, das zwischen zwei engen Angehörigen entstehen muss, um solche Situationen sinnvoll und hilfreich zu händeln. Manchmal bin ich bei solchen Fatigue-Attacken auch so hilflos, dass ich auch auf „äußere“ Hilfe angewiesen bin – z.B. indem mich mein Mann dann direkt aus dem Geschehen zieht und mir eine Rückzugsmöglichkeit sucht, oder mir auch notfalls über die Straße hilft, da ich in solchen heftigen Augenblicken keine Konzentration mehr habe….

Andererseits ist es auch für Angehörige, die ja auch „nur Menschen“ sind, nicht einfach, immer und sofort parat stehen zu können. Auch sie haben das Recht erschöpft und ausgelaugt zu sein.

Bild vom Strand mit einem Spruch darüber

Oft sind Angehörige selbst körperlich und seelisch von der neuen Situation stark betroffen, denn es stürmen viele neue und unbekannte Dinge, Situationen und Gefühle auf sie ein. Auch ungewohnte Gedanken und vielfältige Emotionen können hochkommen, oder sie finden sich plötzlich mitten in Aufgabengebieten wieder, die sie bislang nicht kannten.

Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir Betroffenen uns klar machen müssen, dass es für unsere Angehörigen auch nicht immer einfach ist. Andererseits habe ich selbst schon erlebt, wie sehr wichtig es einer lieben Freundin war, dass sie mir helfen KONNTE und ich diese Hilfe auch zugelassen hatte. Damals ging es darum, dass sie mich zu einer Veranstaltung fährt, zu der ich allein nicht hätte hinkommen können. Das Hilfe-Annehmen ist nämlich auch so ein Thema…. Im Nachhinein sagte sie mir, dass sie glücklich gewesen wäre, mir endlich einmal helfen zu können, eine sinnvolle Unterstützung bieten zu können. Diesen Mittelweg für uns alle zu finden halte ich für das WICHTIGSTE, denn das macht unser MITEINANDER aus, das kann uns stärken und tatsächlich unterstützen und unserem Freund z.B. auch die MÖGLICHKEIT geben, überhaupt helfen zu können und sich nicht hilf- und machtlos fühlen zu müssen.

Für eine Beziehung jeglicher Art kann es also auch eine Bereicherung sein, wenn man ein liebevolles und ehrliches Miteinander praktiziert. Es kann sogar mehr zusammenschweißen, denn immerhin zeigt man sich damit ja auch seine Wertschätzung und Anerkennung. Es ist eine Gratwanderung, aber ich finde, es lohnt sich immer, ehrlich und offen miteinander zu reden und auch auszuloten, was den Angehörigen womöglich belastet, um dann gemeinsam nach neuen Möglichkeiten und auch Lösungen zu suchen.

Sicherlich darf man sich als Betroffener auch einmal „zumuten“ – auch das gehört zur Selbstfürsorge, die wir ja alle bitterlich lernen mussten oder müssen, aber auch das Zumuten hat seine Grenzen, die aber nur ausgelotet werden können, wenn man mit Offenheit und Mut an die Sache herangeht. Ich übe, ganz klar, Hilfe annehmen zu können, um Hilfe bitten zu können und die damit einhergehende WERTFREIHEIT zu praktizieren. Es ist vermutlich ein lebenslanges Üben, zumal ja auch neue Beeinträchtigungen hinzukommen, die ein neues Ausloten vonnöten machen. Oft hilft mir auch mein Humor (oder auch Galgenhumor) dabei etwas schwierige Situationen zu meistern.

Für beide „Parteien“ ist eine wertfreie, liebevolle und vor allem gegenseitige Fürsorge wohl das Optimum. Sich selbst nicht so wichtig nehmen und zurücknehmen zu können, aber auch einmal auf Hilfe bestehen zu können – das ist mein Weg! :-)

Aufbauende Worte auf einem blumigen Hintergrund