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Thema: Kreativität

Schuhe auf einer Steintreppe

Aufgesattelt.

Es ist soweit. Es wird wieder gedreht. Geschrieben. Designed. Endlich geht es weiter, nach meiner eigens initiierten Kreativ-Pause, zumindest was MS-Projekte angeht.

Nach der Fertigstellung meines Films „Kleine graue Wolke“ ist mir ziemlich die Puste ausgegangen, um ehrlich zu sein. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zweieinhalb Jahre lang einzig und allein über der MS zu brüten, ist ganz schön anstrengend. Doch dann war der Dreh vorbei, der Film geschnitten und das Projekt für’s Erste abgeschlossen. Pause.

Alles vorbei, bis auf die MS. Sie stellte mich vor neue Fragen, drängte sich mit neuen Erfahrungen auf und ließ mich schlaflose Nächte durchmachen. Also bin ich wieder hier. Und mache wieder Filme über MS.

Mir begegnen häufig zwei Fragen. Erstens: Warum muss es denn unbedingt Film sein? Meine Antwort: Weil das mein Lieblingsmedium ist. Ein Film kann für mich ganz besondere Momente einfangen, Emotionen konservieren und vor allem Dinge sichtbar machen, die eigentlich unsichtbar sind. Wie die MS.

Zweitens: Warum tust du dir das Ganze denn an? Die MS ist doch dann durch deine Arbeit immer so präsent!

Es ist mehr ein Kopfschütteln als eine Frage und in den seltensten Fällen erwartet mein Gegenüber eine Antwort. Ich habe gelernt mit einem Lächeln und einem Achselzucken zu antworten, denn die Antwort würde eh an einer Mauer des Unverständnisses kleben bleiben.

Filme sind meine Art, Energien auszuleben. Gedanken, Gefühle, manchmal auch Träume lassen sich damit visualisieren und für immer – oder zumindest eine sehr lange Zeit – festhalten. Kreativ sein bedeutet für mich Emotionen aus ihrem Käfig zu lassen. In jeglicher Form. Ob wütend, romantisch, hoffnungsvoll, eingeschüchtert, dunkel, sonnig.

Im letzten Jahr habe ich von einem Mann gelesen, der zum letztjährigen Motto „Mein Leben mit MS wäre einfacher, wenn..“ schrieb, dass seines einfacher wäre, wenn seine Mit-MSler nicht so einen Druck durch ihre ganzen ach so kreativen Verarbeitungswege auf ihn aufbauen würden.

Das erinnert mich an diese merkwürdigen Untereinander-mir-geht’s-viel-schlechter-Vergleiche.

Ich denke Kreativität ist nur ein Weg von vielen. Es macht den Umgang oder den Menschen ja nicht wertiger. Ja, es klingt manchmal abgehoben: ich gehe kreativ mit der MS um. Aber für mich ist es eher ein Drang. Etwas Natürliches. Nicht weil man besonders toll oder positiv daherkommen will. Sondern damit angestaute Energie frei werden kann. Ich fühl mich einfach immer so erleichtert, nachdem ein Film, ein Text oder ein Bild fertig ist. Nachdem „Kleine graue Wolke“ fertiggestellt war, hab ich mich federleicht gefühlt. Geschwebt bin ich auf meiner angstfreien Wolke. Weil alles ausgesprochen, alles besprochen, alles was mich beschäftigt hat, einmal visuell bearbeitet wurde.

Und gleichzeitig ist es ein Tanz auf dem Drahtseil – immer auf der dünnen Linie zwischen Beschönigung und Übertreibung der Krankheit.

Kreativ sein hin oder her – für mich persönlich ist diese intensive Auseinandersetzung mit der MS in den Filmen mein Ventil und gleichzeitig meine Therapie. Und was ich dann noch mit meinen fertigen Werken erlebe, macht mich einfach nur glücklich.

GZDE.MS.16.04.0382