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Thema: Kompromisse

Kompromisse und Multiple Sklerose

Bist du bereit?

An dieser Stelle möchte ich zuerst einmal betonen, dass ich keine Ärztin bin, keine Krankenschwester, keine medizinische Ausbildung habe. Ich möchte auch keinesfalls sagen, dass meine Art, mit MS oder auch, wie ich mit meinem Körper im Gesamten umgehe, der richtige Weg für alle Menschen ist. Wir alle sind so verschieden, ganz individuell. Nicht umsonst wird sie ja auch als die Krankheit der 1000 Gesichter bezeichnet. Was ich machen kann und möchte, ist, in diesen Tagebucheinträgen von meinen ganz persönlichen Gedanken, Erlebnissen und Erfahrungen mit Multipler Sklerose zu erzählen. Von meiner Reise mit meiner MS. Liest du mit?

Liebe MS,

in meinem letzten Tagebucheintrag habe ich dir von meinen Augenproblemen erzählt. Wie versprochen habe ich die Augenprobleme und besonders dich im Blick behalten. Gar nicht so einfach, wie ich zugeben muss. Wie du aber vielleicht bemerkt hast, sind sie deutlich besser geworden, danke dafür. Sie sind zwar manchmal noch da, aber im Generellen viel weniger als zu dem Zeitpunkt meines letzten Tagebucheintrages. Es steckt aber auch verdammt viel Arbeit hinter der Besserung und manchmal macht mich das ganz schön müde. Es macht mich auch müde, viel zu oft zu rätseln, was du brauchst. Wir müssen echt noch besser an unserer Kommunikation arbeiten. Oft wünsche ich mir, dass du mir deutlicher sagen würdest, wenn es dir zu viel wird. Zu viel Arbeit, Stress, Ängste. Schön wäre es auch, wenn du mir sagen würdest, was dir fehlt. Entspannung, Heilung von Traumata, Positivität und Glücklichsein. Bitte und danke!

Symptom benennen und Ursache erkennen

Manchmal überkommt mich plötzlich ein Gefühl des Unwohlseins und ich weiß nicht, was die Wurzel des Übels ist. Manchmal ist es so stark, dass ich diesem ersten Moment des Erlebens gar nicht entfliehen kann, um mir von etwas weiter entfernt die Situation anschauen und analysieren zu können. Ich habe gelernt, mir zwar schon parallel Gedanken zu machen, was los sein könnte, diesen ersten Moment dann aber kurz auszusitzen und die Gefühle vollständig zu fühlen. Zu fühlen, wo es wehtut. Habe ich vielleicht einfach Hunger? Ist es meine Seele, die schreit? Bist du es, die schreit? Wenn du schreist, von wo genau schreist du? Sind es die Augen, mein Kopf, meine Beine, meine Blase, meine Finger?

Wenn ich das Symptom eingeordnet und lokalisiert habe, geht es an die Ursachenforschung. Habe ich vielleicht nicht genug gegessen und/oder getrunken? Habe ich mich nicht genug um mein Seelenwohl gekümmert? Habe ich zu viel gearbeitet, zu wenig entspannt, mich zu viel gesorgt und mich nicht genug umsorgt? Dieser Prozess ist in der Regel nicht innerhalb von Minuten zu vollziehen und manchmal dauerte es Jahre, bis ich die Ursache am Schopf packen und sie liebevoll pflegen konnte, bis sie verschwand – auch wenn das manchmal nur temporär war und ich sie zu einem späteren Zeitpunkt nochmal pflegen durfte, auch teilweise in veränderter Form.

Es heißt, dass die Zeit alle Wunden heilt. Es ist in Ordnung, wenn es manchmal ein bisschen dauert. Okay, das ist halb gelogen – manchmal ist es auch supernervig und ich wäre gerne schon an einem Punkt, an dem alle meine Trigger, Traumata und Ängste geheilt sind, du rund um die Uhr deine Klappe hältst und ich immer superglücklich und zufrieden bin. Ob das geht? Keine Ahnung, wohl eher nicht. Ich bin ein Mensch mit einer riesen Bandbreite an Emotionen, die alle gefühlt werden wollen. Es ist aber in meiner Hand zu entscheiden, wie lange ich diese Emotionen fühle, wie ich ihnen begegnen will und vor allem, was ich aus ihnen ziehen will. Die Aussage „Die Zeit heilt alle Wunden“ stimmt also nur zur Hälfte, finde ich – es gehört auch eine gehörige Portion Mut und Arbeit dazu, Wunden zu heilen, sowie die Reflexion und Bereitschaft, diese überhaupt zu erkennen. Man könnte sagen, es ist eine Lebensaufgabe. Eine, auf die ich mich ehrlich gesagt immer wieder freue. Es ist so ein schönes Gefühl zurückzublicken und zu sehen, wie weit ich schon gekommen bin. Zu sehen und vor allem zu fühlen, wie viele Ursachen, Trigger, Ängste und Traumata sich durch meine gründliche Pflege in Luft aufgelöst haben und nicht mehr wiederkommen.

Multiple Skleose und Kompromisse

Was uns guttut
Schön, dass wir schon ein paar Dinge gefunden haben, die uns beiden gut zu tun scheinen. Uns beide beruhigen, entspannen, kurieren. Vielleicht sollte ich sie nochmal für uns aufschreiben, damit wir sie uns immer wieder anschauen können, wenn es uns mal schlecht geht und wir sie kurz vergessen:

  • Yoga, um zu entspannen
  • Badminton, damit ich dir auch mal meine Wut entgegenschleudern kann
  • Selbstreflexion, um uns immer besser kennenzulernen
  • Malen, um mir meine Welt schöner zu gestalten
  • Lesen, um von den Geschichten anderer zu lernen
  • Kochen, um meinen Hunger nach mehr zu stillen
  • Reisen, um meinen Horizont zu erweitern

Es gibt noch so viele weitere Dinge, die uns guttun, und das Schöne ist, dass ich noch ganz vielen weiteren Dingen, Hobbys, Ländern und Menschen begegnen werde, die mir Sonnenschein in mein Leben bringen werden und somit schlussendlich auch in deins. Ich hoffe, du bist bereit für mehr Positivität, Arbeit an uns, Lebensfreude, Verarbeitung und Glücksgefühle – ich bin es.

Auf eine gute Reise

deine Lara 💓

GZDE.MS.19.11.0781