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Thema: Unabhängigkeit

Verschwommene bunte Lichter

Blasse Erinnerung an die Unabhängigkeit

Die Unabhängigkeit habe ich komplett verloren, als ich vor sieben Jahren im Krankenhaus war und ich die erste Infusion erhalten habe. Zu dieser Zeit waren jeden Tag viele Kumpels bei mir zu Hause. Meine Eigenständigkeit war noch mehr oder weniger vorhanden. Meine mentale Verfassung war gut, aber angenagt, nachdem tausende Welten von mir wie Seifenblasen zerplatzt sind. Als ich dann nach Hause zurück kam, konnte ich nicht mehr selbstständig ins Bett gehen, das Essen ging auch nicht mehr. Es war sehr schlimm für mich. Das hat meine psychische Verfassung zunichte gemacht

Dann konnte ich den Computer nicht mehr selbstständig benutzen. Ich musste auf einmal jemandem Anweisungen geben, alles hab ich auf einmal mit einer Art indirekter menschlicher Fernsteuerung machen müssen. Es hat sehr lange gebraucht, bis ich das verdaut habe. Viele Leute sagen mir, dass sie Respekt haben, weil ich immer noch lachen kann und normal im Kopf geblieben bin. Es hilft mir dabei sehr, dass ich alles mit Humor nehmen kann. Manchmal lachen auch meine Pfleger, weil ich einen trockenen, schwarzen Humor habe. Trocken und pragmatisch.

Meiner Psyche geht es wieder gut, seit ich die Augensteuerung für den PC bekommen und ich mir für den Monitor Geld gespart habe. Das hat mir einen Teil meiner Selbständigkeit und Unabhängigkeit zurückgegeben. Abends muss mir der Computer nur angeschaltet und positioniert werden und den Rest kann ich alleine machen. Einen Neustart machen, den Shutdown Timer stellen, Skypen, Fernsehen schauen. Aber das Wichtigste ist, den Kontakt mit der Außenwelt zu halten und mit den Menschen, die mir wichtig sind. Davon sind nur noch einige geblieben.

Das Schreiben war immer schon meine Passion. Mein privater Mikrokosmos ist jetzt virtuell geworden. Die Unabhängigkeit war für mich ganz selbstverständlich. Ich hatte nur selten darüber nachgedacht, wie das Leben wäre, ohne sie und die Möglichkeit hinzugehen, wo immer mich meine Füße hintragen, oder mich mein Auto hinfährt. Die Welt, die ich kannte und sehr oft auch geliebt hatte, fing langsam an sich in Luft aufzulösen. Das war ein ziemlich dickes Päckchen, das ich zu verdauen hatte. Das hat Jahre gebraucht und passierte in Etappen, weil das alles langsam und schleichend kam. Chronisch fortschreitend. Für die Zukunft fällt mir nur der Mann ein, der aus dem 50. Stock fällt und während des Falls sagt: „Bis hierher lief es noch gut“.

Nicht jeder kann seine Situation so sehen wie ich. Ich habe mich damit abgefunden und mache das Beste daraus, und ich versuche es mit ein wenig Humor und Sarkasmus zu mildern. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit anderen MS Patienten, dass viele nicht so locker mit der Krankheit umgehen können. Ein anderer Blickwinkel, der es bestimmt erträglicher macht. Ich bin halt ein positiv eingestellter Mensch, der einfach keine Angst vor der Realität hat.

GZDE.MS.16.05.0575