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Thema: Kreativität

kreative Fotocollage

Das Leben ist bunter als du denkst

Als mich Sabine fragte, ob ich gern einen Blogbeitrag über das Thema MS und Kreativität schreiben möchte, hatte ich mich super gefreut, dass sie sofort an mich gedacht hatte. Doch schon im nächsten Moment kam mir der Gedanke, dass das doch nicht anders sein könnte, seine Kreativität auszuleben wenn man MS hat, oder nicht? Mir war nicht schlüssig, worin der Unterschied zwischen MS-Patienten und Nicht-MS-Betroffenen liegen sollte. Überraschend, dass mir gleich dieser Gedanke des Vergleiches in den Sinn kam.

Was ist Kreativität?
Doch was bedeutet überhaupt Kreativität, wann ist man kreativ? Eine aussagekräftige Definition zu finden ist schwer, wenn nicht sogar schier unmöglich. Kreativität lässt sich auf verschiedene Art und Weise ausdrücken. Egal, ob durch Farben, Musik, Tanz oder durch das Spiel mit Wörtern. Schon durch das Kochen eines besonderen Gerichtes, dessen eigene Geschmacksnote wir hinzufügen, sind wir kreativ. Kreativität ist nicht immer etwas Fassbares. Für mich ist es nicht explizit ein Gegenstand, den man anfassen kann oder eine Sache, die man hört oder sieht. Manchmal ist es einfach nur ein Gefühl. Plötzlich spüre ich gewisse Ströme in mir und tauche unterbewusst in eine wohlig warme Welt ein, die mich von innen heraus ausfüllt. Alles um mich herum fließt. Manchmal sind es ganze Farbstreifen, die weder ein Ende noch einen Anfang besitzen. Dann wiederum sind es undefinierbare Weiten. Fast vergleichbar, als wenn sich das Universum in mir ausdehnen würde. Alles scheint im Einklang zu sein und fühlt sich perfekt an. Ein herrliches Gefühl. Wenn es doch nur für immer bleiben könnte.

Kreativität kennt keine Grenzen. Wir sind vollkommen frei, in dem was wir tun und denken. Es gibt immer neue Wege, die es ermöglichen, dass jeder von uns seine Kreativität ausleben kann.

VorstellungsKRAFT
Vor einigen Jahren hatte ich ein Projekt einer Künstlerin unterstützt, die nur ihre Augen bewegen konnte und rund um die Uhr auf medizinische Hilfe angewiesen war. Sie wollte an einem Kunstworkshop teilnehmen und bat diesbezüglich um finanzielle Unterstützung für den großen organisatorischen Aufwand, den dieses Vorhaben mit sich brachte. Ihr war es möglich mit Hilfe einer Kappe auf ihrem Kopf, die die neuronalen Ströme ihres Gehirnes aufnahm, mit ihren Augen digitale Zeichnungen auf einen Computer zu malen. Beeindruckend. Bis Dato wusste ich gar nicht, dass es so etwas gibt. Wäre meine beste Freundin nicht an MS erkrankt, wäre ich niemals auf solch ein Projekt aufmerksam geworden. Sabines Erkrankung hatte meine Sinne geschärft.

Ich weiß noch ganz genau wie ich sie zum Arzt begleitete und wir zusammen wartend auf diesen 2 Stühlen saßen. Bine war aufgeregt und ich war es auch.
Ich dachte an unsere gemeinsame Zeit zurück. Von dem Tag an, an dem ich sie kennenlernte, habe ich gleich gespürt wie viel Kraft und kreative Energie in ihr steckt. Das  hatte mich damals total überwältigt. Sie ist ein wahnsinnig kreativer Mensch, mit vielen unterschiedlichen Ideen, die aus ihr heraussprudeln. Es ist super schön, wenn wir uns gegenseitig die Ideen wie Ping Pong Bälle zuwerfen. Sie hat das Talent, anderen Personen den eigenen Glauben an ihre Kreativität mit auf den Weg zugeben und über sich selbst hinauszuwachsen. Nur zu oft hat sie mich bestärkt, aus meinen Ideen kreative Dinge zu erschaffen und an meine Malerei zu glauben.

Geheime Gefühlswelt
Gedanklich war mir Sabine immer einen Schritt voraus. Doch auch sie brauchte ihre Zeit, um die neue Situation zu verarbeiten. In ihrem Film “kleine graue Wolke“ drückt sie ihre geheimsten Empfindungen, Ängste, aber auch Hoffnungen auf eine beeindruckend gefühlvolle Art aus. Vor allem ihre experimentellen Gedankensequenzen haben mich sofort ergriffen, als ich ihren Film das erste Mal sah. Nach der Kinovorstellung konnten die Zuschauer einige Fragen stellen. Ich hatte in diesem Moment keine. Noch verarbeitete ich dieses ertappte Gefühl, das ich tief in mir spürte. Sabine sprach mir in manchen Dingen direkt aus der Seele. Zum Teil konnte ich mich mit ihren Fragen und ihrer Gefühlswelt identifizieren. Und das obwohl ich nicht MS hatte.

Kleine graue Wolke berührt jeden von uns, egal ob man MS hat oder eine andere Veränderung im Leben meistern muss. Sabines Gefühlswelten und die der Protagonisten mit ihren aufkommenden Gedanken sind auf andere Krankheiten oder Lebensumstände übertragbar. Ich erkannte das Gefühl, sich nicht outen zu wollen, lieber im Hintergrund unerkannt zu bleiben. Ja nicht auffällig werden und keinem anderen erzählen, was man hat. Die Blicke, die ich gespürt hatte. Oder die ich nur gemeint hatte zu spüren? Diese große Unsicherheit, die auf einmal von mir Besitz ergriffen hatte. Warum ist man nur so „anders“? Unzuverlässig, schlapp, schwach. Man erkennt sich selbst nicht mehr wieder. Wer bin ich jetzt? Diese Fragen und die beschriebenen Auswirkungen der Fatigue waren es, die mich an meine eigene psychische Veränderung durch die Depressionen und Panikattacken erinnerten. Ich setze mich durch den Film unweigerlich mit mir selbst auseinander. Obwohl ich gar nicht mehr an meine Vergangenheit erinnert werden wollte. Ich wollte lieber all dieses „Dunkle“ in einen Sack stecken und ihn ins Meer schmeißen, um meine Vergangenheit ungeschehen zu machen. Aber ich merkte, dass das falsch war.

gemalter Regenbogen und bunte Wolken
Colour the clouds

Begegnungen
Unsere Vergangenheit und die damit verbundenen Erlebnisse sind auch unsere Zukunft. Sie prägen uns und machen uns zu dem, was wir jetzt sind. Ohne meine Depression hätte ich womöglich nie diese eine Künstlerin kennengelernt, die von den gleichen Symptomen berichtete, wie ich sie erlebte.

Ich habe gemerkt, wie gut es mir tat mit Gleichgesinnten zu sprechen. Menschen, die das gleiche durchmachen oder ein ähnliches Gefühlschaos durchleben.

Deswegen kann ich es nachvollziehen, dass sich Sabine am besten von MS Betroffenen verstanden fühlt. Es ist schon manchmal seltsam wie sich alles im Leben fügt. Erst durch diese Begegnung mit der Künstlerin habe ich den entscheidenden Mut zusammengefasst und mich endlich zu einem Kunstworkshop angemeldet. Ich muss gestehen, dass ich dennoch riesige Angst hatte, zu versagen und mir innerlich einen enormen Druck aufbaute. Das war natürlich alles unberechtigt. Es ging um die Gemeinschaft und den Austausch mit anderen Menschen, die Spaß am Malen hatten und nicht um eine vergleichende Wertung. Durch vergangene Erlebnisse mit anderen Menschen werden einem selbst ganz neue Wege aufgezeigt. Man überwindet sich Sachen zu tun, von denen man vorher gar nicht geglaubt hätte, dass man dazu im Stande ist. Es sind Wege, die wir vorher nicht gegangen wären. Das gemeinsame Erleben wirkt inspirierend. Es schärft unsere Sinne für schöne Situationen und gibt der eigenen Kreativität Raum sich zu entfalten.

Künstleratlier
Hier kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen

Auf zu neuen Ufern
Ich finde, Sabine hat unendlich viel Kreativität aus ihren neuen Herausforderungen geschöpft. So viel Kraft, mit der sie zu Anfang selbst gar nicht gerechnet hätte. Durch die MS hat sie viel mehr Wege gefunden sich auszudrücken und an sich zu glauben. Ihr neu gewonnenes Leben mit all ihren Gedanken und Veränderungen treibt sie noch mehr voran als zuvor. Sie weiß was sie will. Sabine erzählte mir, dass es damit zusammenhängt, dass man eine andere Sicht auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens bekommt. Der Blick klärt sich und jeder Tag ist etwas Besonderes.

„Worauf wartest du?“, hatte sie einmal zu mir gesagt. Eine berechtigte Frage, woraufhin ich hunderte Antworten hätte aufzählen können aber zugleich keine Einzige. Wir brauchen nicht mehr zu warten. Fangt am besten gleich an. Denn kreativ kann jeder sein, egal ob er MS hat oder nicht.

Es gibt keinen Unterschied. Kreativität ist etwas sehr Persönliches, das wir auf vielfältige Art und Weise erleben können. Ich würde sagen, dass sich unsere eigene Kreativität im Laufe des Lebens verändert und uns positiv beeinflusst. Neue Blickwinkel auf unsere Welt entstehen, sodass aus der kleinen grauen Wolke mit vielen bunten Farben ein Regenbogen wird, auf dem wir mit anderen Menschen durch unser Leben schweben und zu neuen Ufern aufbrechen.

GZDE.MS.16.04.0382