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Thema: Kognition & MS

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Vogelschwarm

Die Blümchenwiese für Angehörige

Meine Frau ist  immer sehr schnell im Kopf, sie ist die Problemlöserin. Sie ist die„Wegsucherin“, wenn es einen Ausweg, einen Plan braucht. Das ist es. Genau das: meine Frau hat immer einen Plan. In guten wie in schlechten Zeiten.

Davon hat unsere Familie immer profitiert. Wir konnten uns immer alle auf ihre Fähigkeiten verlassen.

Das funktioniert nach wie vor. Aber es ist für sie schwieriger, irgendwie schwerfälliger geworden. So als wäre eine Art „Denk-Umwälzpumpe“ im Kopf beschädigt. Die Gedanken fließen spürbar langsamer.
Wir alle merken dies und es ist unbehaglich. Am Unbehaglichsten ist es für sie selbst. Mit dem Nachlassen ihrer kognitiven Fähigkeiten ist die Ungeduld mitsamt der MS eingezogen, welche wir bis zu dem Zeitpunkt von ihr nicht kannten.

Geht eine Kleinigkeit schief, steht gleich ihre ganze Welt auf dem Kopf. Besonders Dinge, die ihre Sinne  betreffen, wie eben das Denken. „Das sich-was-merken“, das Weiterverarbeiten von Sinnesreizen sind sprengstoffbelastet. Das bringt sie aus dem Gleichgewicht.

Wir als Familie wissen das, merken das und spüren den Unmut und die Ungeduld. Vor allem spüren wir den Rückzug meiner Frau. Sie ist nicht mehr Mittelpunkt von Gesprächen und Unterhaltungen. Sie wird immer mehr zur stillen Teilnehmerin, zur Randfigur. Die Angst, wieder etwas nicht zu wissen, sich nicht zu erinnern, immer wieder mit Defiziten konfrontiert zu werden, macht sie zur Einzelgängerin.

Vogelschwarm

Wo früher lebhafte Diskussion oder auch Meinungsverschiedenheiten waren, ist heute entweder Ungeduld oder Stille, Sprachlosigkeit, aus Angst, Worte nicht zu finden, Gedanken nicht zusammenhalten zu können oder einfach nicht mehr zu wissen, was eigentlich der Ausgangspunkt eines Gespräches war. Wo früher knallharte Argumente, fundiertes Wissen, Schlagfertigkeit und Schlussfolgerungen waren, ist heute Blümchenwiese im Kopf. So empfindet und beschreibt sie das.

Wir können nicht immer nachvollziehen, was da passiert, wohin das Schiff segelt. Sie spricht nicht oft  mit uns darüber. Auch aus uns spricht dann manchmal Ungeduld und Missfallen über manch Vergessenes „ich-denke-dran-ganz-bestimmt“ oder über manch „weiß-ich-nicht“.

Niemand ist perfekt in seinem Tun, meine Frau erwartet das aber von sich. Und wird nun regelmäßig enttäuscht. Sie will nicht der Depp sein, sagt sie. Ja, wer will das schon? Und vom „Depp sein“ ist sie meilenweit entfernt. Das weiß sie eigentlich auch, aber das Wissen darum hilft nicht.

Wir bewegen uns wie in einer langsamen Drehung um diese Defizite, die die  MS hervorruft. Es ist wie ein merkwürdiger Tanz, den Keiner von uns so richtig bisher beherrscht.

Paartanz

Es gelingt uns auch nicht immer, alles wegzulächeln oder mit einem Schulterzucken abzutun. Dafür trifft es sie zu hart und uns dadurch letztendlich auch.

Außenstehende merken nicht viel davon. Die MS und ihre Auswirkungen sind schon lange kein Thema mehr in Gesprächen mit Dritten.

Aber die kognitiven Defizite belasten uns schon sehr, weil sie meine Frau so belasten.

Ihr und unser Licht am Ende des Tunnels sind die kreativen Dinge, die sie tut. Was an einem Ende zu Defiziten führt, scheint am anderen Ende wahre Wunder zu wirken. Die kreative Schaffenskraft meiner Frau ist enorm. Es ist, als wollten Körper und Geist die Defizite einholen, die die MS wie eine Schneise in ihr und unser Leben schlägt.