Was suchen Sie?

Thema: Unwissenheit und Simulationsvorwürfe

Collage: Inhaliergerät, Jusu und Papa Schulze, Medikamente

Die Einäugige unter den Blinden

Ich bin genervt. Halt Stopp! Das ist falsch, denn das beschreibt meinen aktuellen Gemütszustand nur sehr unzureichend. Eigentlich bin ich stinksauer. Warum? Auf wen oder was? Gute Frage. Wie erklärt man eine emotionale Stimmungslage, die sich gegen den gesellschaftlichen Konsens richtet?

Man liest und redet ja wieder viel über die Zeit zwischen Oktober und Ostern: die Erkältungszeit. Über Tipps und Tricks, was man tun oder was man besser nicht tun sollte, um einigermaßen gesund durch diese Zeit zu kommen.

Um Eines kurz klar zustellen: Ich bin kein Gesundheitsapostel, der mit einem missionarischen Auftrag durch den Tag stolpert und den Leuten erklären will, wie sie Ihren Alltag zu gestalten haben. Meinetwegen kann sich jeder, der will, in überfüllte Busse stellen, seinem Büronachbar in den Nacken husten und im neongelben Borat-Mankini durch das verregnete Kölner Karnevalswetter hüpfen. Wem das ein besseres Körpergefühl vermittelt: Bitte!

Aber dann geht es schon los. Diese ganzen Gestalten sind dann diejenigen, die anschließend niesend und schniefend im Bus auftauchen (juckt mich nicht, ich muss beruflich mit dem Auto fahren) und ihrem Büronachbarn in den Nacken (das juckt mich schon eher, denn im Büro treffe ich eigentlich ganz gern auf andere Menschen) husten. Die Typen in neongelb trifft man glücklicherweise in der Nachkarnevalswoche ganz sicher nicht. Aber egal, wo sie auf andere Menschen treffen: Sie verteilen Ihre Krankheitsbakterien und -viren.

Wo liegt mein Problem, wird sich manch Leser jetzt fragen. Berechtigt. Sicher, wer kann sich schon einer Grippe oder banalen Erkältung in dieser Jahreszeit entziehen? Irgendwann erwischt es jeden. Aber ich bin Vater von zwei kitapflichtigen Kindern und Mann einer Frau mit Multipler Sklerose! Das bedeutet, dass uns die Erkältungszeit doppelt hart trifft, denn zum einen hat meine Frau eine chronische Erkrankung, bei der es gilt, Stress weitestgehend zu vermeiden. Und das ist nicht nur psychischer Stress, sondern auch körperlicher. Alle zusätzlichen Krankheiten, eine Erkältung, ein Magen-Darm-Infekt oder eine Grippe können schubauslösend sein. Und zum anderen durchleben unsere Kinder durch die Kita mindestens jeden zweiten Infekt, der durch die Einrichtung schwappt.

Das allein mag nicht dafür ausreichen, meinen Tag mit dieser Missstimmung zu beginnen, denn dem einen oder anderen wird meine Situation aus seinem eigenen Leben recht bekannt vorkommen. Wir meistern jeden einzelnen Infekt, beschweren uns nicht, aber versuchen natürlich, uns so gut es geht, zu wappnen. Ich nehme nicht für mich in Anspruch, diesbezüglich einen elitären „Lebensentwurf“ zu leben. Was mich in diesem Zusammenhang so auf die Palme bringt, ist das unbedachte, unwissende und manchmal auch einfach nur überflüssige Gerede über das Thema Erkältung und den Umgang damit.

Jeder hat sicherlich schon einmal folgende Aussagen – ob im privaten oder beruflichen Umfeld – zur Kenntnis genommen: „Also ich bin ja eigentlich nie krank.“, „Deine Kinder sind aber ganz schön oft erkältet.“, „Ach komm, wegen so ein bisschen Schnupfen muss man ja nun nicht zu Hause bleiben.“, „Ich arbeite immer.“ ,„Ich brauche keine Mütze, ich bin ja eigentlich nie … .“ Usw. und so fort.

Ich will jetzt nicht in die bekannte Diskussion über den wirtschaftlichen Schaden verfallen, welches dieses Verhalten anrichtet, oder einen Diskurs darüber entfachen, welche Sorgfaltspflichten man möglicherweise seinen Mitmenschen gegenüber an den Tag legen sollte. Aber ich möchte mich nicht immer erklären müssen, wenn ich für meine und die Gesundheit meiner Lieben sorge und Sorge trage. Insbesondere für meine Frau. Hier erwarte ich mehr Empathie und reflektierten Umgang mit Menschen, die aufgrund von chronischen Erkrankungen durch oben beschriebenes gedankenloses Verhalten stärker beeinträchtigt werden- schließlich stecken diese sich oftmals besonders schnell bei ihren Mitmenschen an.

Schauen wir auf die Fakten:

Dass Kleinkinder bis zur Ihrer Einschulung ca. 10 bis 12 Infekte im Jahr durchlaufen ist medizinisch anerkannt. Alle Eltern leiden, nicht nur körperlich, mit ihrem geliebten Nachwuchs, wenn dieser sich fiebernd auf ihrem Schoß übergibt. Auch die Organisation des Alltags um diese Krankheitsattacken herum, der berühmte Spagat zwischen Beruf und Familie, führt alle Elternteile an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und -möglichkeiten. Darüber hinaus sind die grippebedingten Abwesenheitszeiten von Arbeitnehmern zwischen O(kotober) und O(ostern) schwindelerregend. Dies abzustreiten würde wohl auch niemanden in den Sinn kommen.

Und dennoch tut die halbe Welt so, als ob man schwächlich, etwas absonderlich oder gar ein Spielverderber ist, wenn man sorgsam mit seiner Gesundheit umgeht und/oder präventiv agiert. Kurz gesagt, es wird einem sehr häufig das Gefühl vermittelt, man wäre kein wirklich leistungsfähiges und ernst zu nehmendes Mitglied der Gesellschaft. Schaut man mit einigermaßen klarem Verstand – quasi als „der letzte Einäugige unter den Blinden“ – auf diese Situation, so wird die Absurdität dieses allumfassenden Hamsterrades sehr schnell deutlich.

Besonders perfide wirkt diese oben genannte, teilweise sehr offen formulierte, Unterstellung auf Menschen, die tatsächlich beeinträchtig sind. Wie zum Beispiel auf meine Frau. Ihre Erkrankung wirkt sich (noch) nicht auf ihre Leistungsfähigkeit aus und man sieht sie ihr nicht an. Aber sie muss ständig darauf achten, dass das auch so bleibt. Mich macht es wütend und traurig mitzubekommen, wie sie sich oft dafür rechtfertigen muss – gerade in der Erkältungszeit.

Ich bin überzeugt davon, dass es nicht zu viel verlangt ist, seinen Umgang mit Menschen, Freunden und Bekannten zu reflektieren. Meiner Meinung nach gehört das zu den Grundvoraussetzungen für das dauerhafte Funktionieren einer Gesellschaft: Darüber nachzudenken, welchen positiven aber auch negativen Einfluss ich als Teil dieser Gemeinschaft durch mein persönliches Handeln ausübe. Das fängt bei kleinen alltäglichen Dingen an und multipliziert sich dann mit hoffentlich positivem Effekt.

Ich gebe also die Hoffnung nicht auf, dass meine emotionale Schieflage nur eine kleine, vorübergehende Episode war. Ich will ja nicht zum negativen Multiplikator werden. Hatschi! Gesundheit! Auf geht`s!

GZDE.MS.16.02.0319