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Thema: Verluste und Gewinne

gestricktes Wesen im Rollstuhl

Die Hänsel-Lösung

Wer bestimmt, wann ich etwas gewonnen oder verloren habe? Woran kann ich das messen? Muss ich mich ständig mit Anderen messen, um zu ermessen, wo mein Gewinn oder Verlust ist? Das wäre sehr anstrengend und auch frustrierend. Wenn ich mich zum Beispiel mit einem Ausdauersportler messe, dann kann ich nur verlieren. Messe ich mich mit einem übergewichtigen Stubenhocker, schneide ich unter Umständen ganz gut ab. Eine Frage der Sichtweise also.

Eine ältere Dame hat mich während eines Stadtbummels mit Jolanthe, meiner Stadtbummel-Begleiterin in Orange, angesprochen: der liebe Gott hätte es nicht gut mit mir gemeint, da ich  im Rollstuhl sitzen müsse.

Ich war etwas erschrocken und auch nachdenklich. Tatsächlich? Hat es der liebe Gott nicht gut mit mir gemeint? Kommt darauf an, von wo aus ich mich betrachte. Aus Sicht der älteren Dame, die gut zu Fuß, fit im Kopf und auch sonst gut beieinander ist, mag ich bedauernswert erscheinen.

Man kann das aber auch ganz anders sehen: Jolanthe ermöglicht mir einen stressfreien Stadtbummel. Wir können umherschieben bis es Nacht wird, ich kann vergnügt und munter alles ansehen, betrachten, auf mich wirken lassen. Wenn ich mag, kann ich aufstehen und eine Weile die Jolanthe selber schieben. Wenn meine Beine nicht mehr wollen, werde ich geschoben. Jolanthe ist ein klarer Gewinn.

Ich kann mich auch  in die andere Ecke stellen und jeden Tag der älteren Dame recht geben, wie bescheiden es das Schicksal, Gott oder wer auch immer für derlei Unannehmlichkeiten zuständig ist, mit mir gemeint hat. Dann wäre meine Jolanthe ein Verlust. Oder sie wäre das sichtbare Zeichen meines Verlustes. Des Verlustes, mich auf meinen Beinen selbständig fortzubewegen, solange ich will.

So kann man auch die Erwerbsunfähigkeit betrachten. Meine Welt ist in sich zusammengefallen, als mir klar wurde, dass mich mein Weg unweigerlich in die Rente führt. Ich habe meinen Job unheimlich gern gemacht, war anerkannt, gefordert, ausgelastet. All die Attribute, die auf einen tollen Job in einer tollen Umgebung passen, trafen auf meine berufliche Situation zu.  Die „olle Tante“ MS hat da wirklich zugeschlagen. Die Erwerbsunfähigkeit habe ich als herben Verlust empfunden. Mein Selbstwertgefühl fand ich da wieder, wo sonst unsere Brauseflaschen stehen: am Boden.

Ich denke immer in Bildern. Das Bild, das in dieser Situation vor meinem geistigen Auge entstand, war ein wenig verrückt, seltsam unpassend zunächst: Hänsel und Gretel.

bunter Scherenschnitt Hänsel und Gretel

Als Kind habe ich sehr viel gelesen. Ich mochte Märchen, weil sie immer gut ausgingen. Eines meiner Lieblingsmärchen war Hänsel und Gretel. Der kleine Bursche war wirklich clever. Er hat in einer verzweifelten Situation die Nerven behalten und nach einer Lösung gesucht. Und er wurde belohnt. Hänsel und Gretel konnten trotz der von Vögeln gefressenen Brotkrumen nach Hause gehen, die Hexe landete im Ofen.

Die beiden Kinder waren nach unseren Maßstäben doch nun wirklich arm dran, verstoßen von den Eltern, einsam, hungrig und dann in den Fängen einer alten Hexe. Ich glaube kaum, dass Hänsel und Gretel sich anschließend als Verlierer gefühlt haben. Sie waren immer noch arm, immer noch einsam und allein im Wald, aber sie hatten die Hexe besiegt. Ein bisschen was vom cleveren und mutigen Hänsel steckt in uns allen.

Der Verlust meines Arbeitsplatzes hat dazu geführt, dass mir kurze Zeit später aus dem Nichts heraus einfiel, ich möchte das Spinnen am Spinnrad lernen. Ich habe schon immer gern gestrickt und gehäkelt. Das Spinnen war da eigentlich nur ein weiterer Schritt in die Welt der Wolle. Da ich grundsätzlich dazu neige, einmal gefasste Entschlüsse auch in die Tat umzusetzen, war ich kurze Zeit später Besitzerin eines Spinnrades und noch einige Zeit später besaßen wir fünf Spinnräder. Ich habe gelernt, geübt, mir Videos angesehen und wieder geübt. Inzwischen spinne ich alles zu Garn, was auch nur annähernd eine gewisse Lauflänge besitzt.

Das hat uns zu unserem ersten Kunsthandwerkermarkt geführt, weil ich niemals alles allein verstricken, verhäkeln oder verweben kann, was ich an Garn produziere. Aus diesem ersten Gedanken ist ein Nebenerwerb geworden, es macht mich sehr glücklich und zufrieden. Genauso aus dem Nichts wollte ich unbedingt malen lernen. Gesagt, getan, heute male ich Bilder in Acryl, die sich sogar an die Wand hängen lassen. Wer hat jetzt gewonnen und wer hat verloren?„Darf ich mich vorstellen, mein zweiter Name ist Hänsel. Blöder Name, ja ich weiß, aber er hält die böse Hexe, in meinem Fall die olle Tante, in Schach!“

Wenn mich Jemand danach fragt, wie ich mein Leben beschreiben würde, dann würde ich sagen: Bunt! Mein Leben ist bunt! Vorher war es geordneter, irgendwie blau und grün gestreift, schöne Streifen nebeneinander. In gleichmäßiger Wiederholung. Schön und verlässlich, aber auch ein wenig langweilig. Jetzt, nachdem oder vielleicht auch trotzdem die olle Tante MS eingezogen ist, ist es chaotischer, spontaner und knallbunt! Das liegt nicht daran, dass in meinem Kopf nun Licht leuchtet, das man im MRT sehen kann, das liegt daran, dass ich mich eingelassen habe auf all die bunten chaotischen und kreativen Dinge, die das Leben so bietet.

Die olle Tante ist meine persönliche Herausforderung. Sie teilt mir oft mit, dass es hier oder da nicht mehr langgeht, dass ich mir etwas Anderes, Neues überlegen muss. Oder eben dort stehen bleiben muss. Ich bleibe nicht stehen. Niemals! Auf anderen Wegen, die ich sonst nie gegangen wäre, wartet so viel Spannendes! Heute würde ich der älteren Dame, die der Meinung war, der liebe Gott hätte es nicht gut mit mir gemeint, sagen: Doch, hat er!

GZDE.MS.16.08.0950