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Thema: Mama hat MS

Meine Zukunft mit Multiple Sklerose

Die Zukunft

An dieser Stelle möchte ich zuerst einmal betonen, dass ich keine Ärztin bin, keine Krankenschwester, keine medizinische Ausbildung habe. Ich möchte auch keinesfalls sagen, dass meine Art mit MS oder auch wie ich mit meinem Körper im Gesamten umgehe, der richtige Weg für alle Menschen ist. Wir alle sind so verschieden, ganz individuell. Nicht umsonst wird sie ja auch als die Krankheit der 1000 Gesichter bezeichnet. Was ich machen kann und möchte, ist, in diesen Tagebucheinträgen von meinen ganz persönlichen Gedanken, Erlebnissen und Erfahrungen mit Multipler Sklerose zu erzählen. Von meiner Reise mit meiner MS. Liest du mit?

 

Liebe MS,

machst du dir viele Gedanken um die Zukunft? Planst du unsere gemeinsame Zukunft schon still und heimlich? Ich persönlich habe mir nie wirklich Gedanken um die Zukunft gemacht. Es gibt Menschen, die ganz genaue Vorstellungen davon haben, was sie mal werden möchten, und dies durch kurz- oder langfristige Pläne verfolgen. So war ich irgendwie nie. Sicher, ich hatte auch mal Berufswünsche – ich wollte mal Raumausstatterin werden, weil ich ungefähr jeden Monat mein Zimmer umgestellt und -dekoriert habe. Dann habe ich gelesen, dass man dabei auch handwerklich aktiv ist und irgendwie hatte ich dann keinen Bock mehr darauf, haha. Rückblickend wird mir bewusst, dass das eher ein frühes Anzeichen dafür war, dass ich immer Veränderung, etwas Neues brauche, als dass es ein Zeichen für einen konkreten Berufswunsch war. Ich habe allerdings – seit ich 15, 16 Jahre alt war – immer genau gewusst, WO ich sein möchte.

 

Zuerst war es Berlin. Ich hatte lange keine Idee, was ich dort machen will – außer dort zu leben. Hätte man mir damals gesagt, wie sehr Berlin mein Leben auf den Kopf stellen wird mit dem, was alles dort passiert ist, ich hätte alle ausgelacht. Dann kam mein erster Thailand-Aufenthalt 2014. Niemals hätte ich geahnt, dass etwas, was mich im Vorfeld nicht allzu groß bewegt hat, mein komplettes Leben ändert. Ich habe einen neuen Ort gefunden, an dem mein Herz sein will. Diese Entscheidung war allerdings eine, für die ich im Jahr 2014 noch nicht den Mut hatte, Berge zu versetzen. Ich hatte bis dahin immer das Gefühl, eher ein stiller Teilnehmer als ein aktiver Bestimmer meines Lebens zu sein. Sicher, ich hatte gute Momente, viele schlechte Momente – Momente, die mich geprägt und zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute nicht mehr bin. Und dann kamst du.

 

Multiple Sklerose

Plötzlich warst du da. Du kamst im April 2015 zu mir und hattest beschlossen, zu bleiben. Gefragt hast du mich nicht. Unhöflich. Allerdings hast du mir viele Fragen gestellt, deren Antworten ich schon lange im Herzen trug, sie aber nicht wagte, auszusprechen. „Nach Thailand zu gehen ist aber nicht gut mit MS und wegen Impfungen sowieso schon nicht!“, rief mir ein Arzt mitten im Krankenhausgang zu, als mir zeitgleich von einer Krankenschwester der Verband um die Kanüle gewechselt wurde. „Blödmann!“, dachte ich bei mir. „Was sollte ich von diesem Satzfetzen ohne jegliche Erklärung halten? Außerdem war ich schon da und alles war gut. Ich fliege in knapp zwei Wochen wieder hin und so ein doofer Arzt wird mich davon nicht abhalten und die MS schon gar nicht … oder doch? Sollte ich vielleicht doch hierbleiben und … Nein! Ich gehe!“ Und ich ging. Wieder mal hatte ich keine Ahnung, was ich dort machen wollte oder was mich genau erwartete, aber mein Herz zog mich dorthin und ich wusste, es wird alles gut sein.

 

Im Grunde genommen lebe ich bis heute so. Ich habe keine konkreten Pläne für die Zukunft. Ich weiß ungefähr, wo ich die nächsten Monate sein möchte, und was ich machen möchte, entscheide ich spontan. Ich versuche, regelmäßig mit mir selbst zu sprechen und mich zu fragen, ob ich glücklich bin. Ob ich erfüllt bin. Ob ich noch der Mensch bin, der ich sein möchte. Ob ich etwas ändern möchte. Ob ich mich ändern möchte. Ob ich etwas Neues lernen oder erleben oder verstehen möchte. Ob ich weiterhin auf dem Weg der inneren Heilung bin oder mich in ungesunden Gedankengängen oder Verhaltensweisen verheddere wie ein Schmetterling im Spinnennetz. Ob ich gut zu mir bin und mich selbst wie meine beste und wertvollste Freundin behandle. Ob ich weiter versuche, Menschen zu verstehen und ihnen so zu begegnen und sie vor allem so zu behandeln, wie ich behandelt werden möchte. Ob ich vergeben habe, anderen und vor allem mir selbst.

 

Auch wenn ich nicht explizit deinen Namen nenne, du bist in allen diesen Fragen und Antworten verankert. Geht es mir im ganzheitlichen Sinne gut, dann geht es uns beiden gut. Indem ich mich pflege, pflege ich dich. Indem ich mir eine Thaimassage gönne, entspanne ich auch dich. Indem ich meinen Hunger mit gutem Essen stille, bist auch du besänftigt. Indem ich alle meine Narben, Traumata und Ängste heile, lehnst du dich zufrieden zurück und bist ruhig. Ich glaube fest daran, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert und dass in so gut wie allem eine positive Botschaft zu entdecken ist, wenn wir dazu bereit sind, sie zu sehen.

 

Ich habe keine Angst

Ohne meinen Umzug nach Berlin wäre ich nie in Thailand gelandet. Ohne in Thailand gewesen zu sein, wäre ich niemals so gut mit der MS-Diagnose umgegangen und wäre so dankbar gewesen für all das, was ich habe. Ich bin deutsche Staatsbürgerin. Ich komme aus einem der reichsten und einflussreichsten Länder der Welt mit einem fantastischen Sozialsystem. Natürlich, Platz nach oben gibt es immer, keine Frage – aber wenn ich mir anschaue, mit was für Herausforderungen viele meiner Freunde aus der ganzen Welt zu kämpfen haben und generell Menschen auf der ganzen Welt, fühle ich mich unfassbar dankbar, reich und gesegnet. Ich habe Zugang zu einem günstigen und guten Krankensystem. Ich habe Zugang zu vielen Sozialleistungen, die mich gegebenenfalls eines Tages absichern werden. Ich habe einen Reisepass, der weltweit einer der besten bezüglich Reisefreiheit ist. Ich habe einen Pass, einen Namen, eine anerkannte Identität und Staatsbürgerschaft, was einigen Menschen auf dieser Welt verwehrt ist. Ich werde weder aus religiösen oder rassistischen Gründen verfolgt noch muss ich vor Krieg und Hunger fliehen. Meine Familie ist sicher und unversehrt. Ich habe jeden Tag genug Essen auf meinem Teller. Ich habe jeden Tag Sachen zum Anziehen und sogar den Luxus, mir aus verschiedenen Kleidungsstücken Outfits zusammenzustellen, wie ich es schön finde. Ich gehe jeden Abend in ein gemütliches Bett zum Schlafen, welches durch ein Dach geschützt ist.

 

Ich bin verdammt dankbar für all diese Dinge, die für viele so selbstverständlich sind. Sie sind aber nicht selbstverständlich. Sie sind besonders und viel wert. Die Wertschätzung und Dankbarkeit für all diese guten Dinge in meinem Leben helfen mir, positiv zu bleiben, wenn du mal wieder besonders laut bist. Was auch immer du für unsere Zukunft geplant hast, ich mache mir keine Sorgen darum, zumindest versuche ich es. Ich bin ja auch nur ein Mensch mit allen Emotionen, die es so gibt, nicht wahr? Was kommt, das kommt. Wir werden das dann schon hinkriegen, du und ich.

 

Bis bald

deine Lara 💓