Was suchen Sie?

Thema: Arzt-Patienten-Beziehung

Swenja Bloggerin Multiple Sklerose

Ein liebevoller Mensch, der mein tiefstes Inneres kennt

Wenn ihr nicht auf einer Seite für Menschen mit Multipler Sklerose und deren Angehörige wäret, würdet ihr wahrscheinlich denken, ich schreibe jetzt etwas über meinen Partner. Natürlich könnte ich das tun, jedoch weiß nur eine Person haargenau, was in meinem Kopf abgeht: meine Neurologin – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Nach meinem Ärztemarathon im Jahr 2016, von dem ihr vielleicht in meinem letzten Beitrag gelesen habt, hatte ich kaum noch Vertrauen in Ärzte. Ehrlich gesagt: Keine einzige Zelle meines Körpers hatte das Verlangen danach, jemals wieder irgendeinem Doktor unter die Augen treten zu müssen. Ich hatte das Gefühl, dass mich niemand ernst nimmt, mir niemand helfen kann und besonders, dass es auch niemand will. Es konnte doch nicht so schwer sein, herauszufinden, was zum Teufel mit meinem Körper los war, oder? Dafür sind Ärzte doch da!

Bei meiner damaligen Hausärztin bekam ich nach einem langen Drücken auf die Tränendrüse und einem ewigen Disput eine Dringlichkeitsüberweisung zum Neurologen. „Frau Doktorin, ich benötige so eine komische Überweisung, damit ich über die kassenärztliche Vereinigung einen früheren Termin bei einem Neurologen bekomme. Ich habe jetzt erst im Mai einen Platz bekommen und es ist doch erst Dezember.“

„Wie stellt sie sich das vor? (Ich betone hier nochmals, dass diese Frau lediglich in dritter Person mit Patienten redet.) Meine Kollegen haben auch viel zu tun und ich kann doch nicht einfach jedem x-beliebigen Patienten so eine Überweisung geben. Ich habe doch auch nur begrenzte Kapazitäten.“

Wie bitte? Ich bin seit EINEM JAHR monatlich hier, weil ich meine besch***enen Beine nicht mehr merke und Sie sagen mir, dass mein Anliegen nicht dringlich genug ist?

Doch anstatt ihr das ins Gesicht zu schreien, erinnere ich mich, dass sie meine Schmerzen immer auf die Psychosomatik schieben wollte, ohne auch nur irgendetwas anderes zu untersuchen. Daher ziehe ich mein Ass aus dem Ärmel, denke an verletzte Katzenbabys, verdrücke eine Träne und sage: „Aber wissen Sie … Die Physiotherapeutin hat irgendetwas von Multipler Sklerose gesagt und ... Ich hab irgendwie Angst, dass …“ „Ooooooooooh, sie hat etwas Psychosomatisches. Warum hat sie das nicht gleich gesagt? Hier hat sie ihre Überweisung mit dem Vermerk „B“, damit der Termin innerhalb der nächsten zwei Wochen stattfindet.“ Ich rief also sofort bei der kassenärztlichen Vereinigung an, gab alle Daten durch und wurde damit vertröstet, dass es durch die Feiertage und den Jahreswechsel zu einer Wartezeit von vier Wochen kommen kann – immer noch besser als sechs Monate, dachte ich.

Doch anscheinend hatte ich jetzt den Wind auf meiner Seite, denn bereits zehn Minuten später rief mich die Dame freudig zurück und verkündete, dass sie bereits einen Termin in zwei Wochen besorgen konnte. Den Grund für den schnellen Termin nannte sie mir auch: Meine Geschichte ging ihr ziemlich nahe, da sie eine Tochter im gleichen Alter hat und wollte, dass mir endlich geholfen und herausgefunden wird, was mir fehlt. Daher ließ sie Telefone in ganz Leipzig glühen. Ich habe selten so viel Dankbarkeit gespürt wie in diesem Moment. So kam es also, dass ich am 4. Januar 2017 das erste Mal diese bzw. überhaupt irgendeine neurologische Praxis betrat.

Ehrlich gesagt war ich die zwei Wochen dazwischen schon ziemlich aufgeregt und machte mir so meine Gedanken. Doch da in meiner Familie niemand MS hatte, ging ich recht ruhig an die Sache heran. Im Sprechzimmer musste ich dann auf einer Liege einige Tests machen und meine Nervenleitgeschwindigkeit wurde gemessen. Ich merkte selber, dass mein wackliger Gang nicht normal war, doch hatte ich nicht damit gerechnet, was dann kam: „Also, leider kann ich, ohne weitere Tests wie MRT oder Lumbalpunktion zu machen, zu 99 Prozent bestätigen, dass es MS ist.“

Stopp! Wie jetzt? Ich hatte das doch nur gesagt, damit ich nicht bis Mai auf einen Termin in irgendeiner Praxis warten muss. Das kann doch nicht sein!

Später habe ich von ihr erfahren, dass ich vor Mai längst im Krankenhaus gelandet wäre und vielleicht sogar Hilfsmittel zur Fortbewegung gebraucht hätte. Nach ewigem Heulen, Streicheleinheiten von meinem Freund daheim und stundenlangen Telefonaten mit meiner Mama (lest ruhig auch ihre Sicht der Dinge in ihrem Beitrag vom Mai) konnte ich wieder relativ klar denken und setzte mich kurz darauf mit meiner Ärztin an einen Tisch und ließ mir erklären, was das jetzt bedeutet, was wir machen und wie es in Zukunft aussehen wird.

Sie ließ mir bei der Wahl meiner Medikation die freie Entscheidung, gab mir natürlich Empfehlungen und Material zu den Medikamenten und stand mir zur Seite. Direkt am Anfang sagte sie mir, dass ich ohne Zweifel immer in der Praxis auftauchen kann und sie mich dazwischenschiebt oder dass ich sie anrufen oder ihr eine E-Mail schreiben kann. Ich hatte wirklich von Beginn an das Gefühl, bei ihr ein offenes Ohr zu finden. Schnell kümmerte sie sich um die Unterlagen für eine Rehabilitation, wo ich bereits im April aufgenommen werden konnte, und seitdem hat sich absolut nichts an diesem Verhältnis verändert.

Es ist egal, wo mein Schuh drückt, sie gibt mir ein (sinnbildliches) Pflaster. Meiner Meinung nach ist der Arzt eine der wichtigsten Personen bei einer chronischen Erkrankung wie MS. Ich habe leider gelesen, dass einige MSler nicht so viel Glück bei ihrer Suche nach einem Neurologen hatten bzw. haben. Doch diesen möchte ich sagen: Gebt nicht auf! „Probiert“ im Notfall acht, neun oder zehn Neurologen aus, bis ihr jemanden gefunden habt, der zu euch passt und bei dem ihr ein gutes Bauchgefühl habt.

Es ist wirklich wichtig, dass man sich geborgen, ernst genommen und verstanden fühlt, und da braucht es auch niemandem peinlich zu sein, wenn man bei jedem scheinbaren „Bisschen“ in der Praxis steht. Wir haben zum Glück die Möglichkeit dazu, uns den Arzt auszusuchen, und wenn man sich wohlfühlt, geht es einem auch innerlich besser – glaubt mir das.

PS: Wenn ihr selbst nicht die Kraft dazu habt, mehrere Ärzte auszutesten oder zu suchen, fragt eure Verwandten, Freunde oder schaut einfach mal in den unzähligen MS-Foren vorbei und lasst euch Empfehlungen geben. Fühlt euch gedrückt! ♥