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Thema: Väter & MS

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Bild von Mario

Entscheidung für ein weiteres Kind - aus Sicht eines Vaters

„Sie können gerne wiederkommen!“ Mit diesen Worten verabschiedete uns die Hebamme, als uns unsere MiniSchnecke soeben in Rekordzeit in die Arme gefallen war. Wir hatten uns bei unserem zweiten Kind mit dem Weg ins Krankenhaus etwas Zeit gelassen und hätten diese Trödelei beinahe mit einem Geburtserlebnis auf der Autobahn gekrönt. So hatte ich nach drei überfahrenen roten Ampeln und diversen Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung immerhin neun Minuten Zeit, zwischen der Ankunft im Krankenhaus und der Geburt meiner zweiten Tochter, um das Auto vernünftig zu parken und mich mit meinem Papa-Rucksack zu bewaffnen.

Den ersten Satz, den ich beim Betreten des Kreissaals vernahm war die Aussage des anwesenden Arztes: „Jetzt sollte der Vater langsam kommen, noch einmal pressen dann ist Ihr Kind da!“

Unter diesen Eindrücken stand ich nun, als ich freudentrunken und glückstaumelnd mit meiner Frau und meiner zweiten Tochter im Arm das Krankenhaus verließ und von der Hebamme den oben genannten Satz zugerufen bekam. Ich meine mich daran zu erinnern, leicht lächelnd gedacht zu haben „nie wieder“.

Und nun stand ich vor ein paar Tagen wieder genau in diesen Räumen, in denen ich die schönsten und intensivsten Momente meines Lebens verbracht habe. Die Tristesse des grünen Linoleumbodens stand in größtmöglicher Diskrepanz zu den wunderschönen Erinnerungen an die Geburten meiner beiden Töchter. Meine Frau lag vor mir in einem Bett, eine Infusion im Arm und den CTG-Gürtel um ihren Bauch, in dem mein drittes Kind heranwächst. Genau in diesem Raum hatten wir u.a. die ersten Minuten im Leben meiner ersten Tochter verbracht, völlig erschöpft nach fast 13 stündiger Geburt. Ich konnte mich an jede Kleinigkeit, an jedes Detail erinnern. Was ist in der Zwischenzeit, seit der Verabschiedung der Hebamme, passiert?

So leicht lässt sich diese Frage gar nicht beantworten, denn unsere kleine Familie musste sich erst einmal finden, die Rollen neu entdecken und verteilen. Zugegeben, auch die Rahmenbedingungen der Geburt unserer MiniSchnecke wirkten sich in den darauffolgenden Wochen so aus, dass wir erst einmal alle Hände voll zu tun hatten und damit beschäftigt waren, unser Leben neu zu sortieren.

Aber auch im weiteren Verlauf der Zeit gab es Veränderungen: Meine Frau musste zwischenzeitlich mit der Einnahme eines MS-Medikaments beginnen, was mit viel Aufregung, Ängsten und Unsicherheiten einherging. Immerhin hatte sich die Multiple Sklerose zwischen Erstdiagnose und der Geburt unserer beiden Töchter verhältnismäßig friedlich verhalten. Nun führte an der Medikation jedoch kein Weg mehr vorbei und die Unbeschwertheit, die die Schwangerschaften und Stillzeiten, in denen meine Frau kein Medikament benötigte, begleitete, war verflogen. Doch auch diesen nächsten Schritt in unserem Leben mit der MS gingen wir als Familie und er ging sich erfreulicherweise ganz gut. Meine Frau vertrug ihr Medikament von Beginn an und zeigte im Umgang mit den Unwägbarkeiten ihrer Krankheit die gleiche Stärke, die mich die letzten Jahre immer wieder beeindruckte und unserer Familie den Umgang mit der MS sehr vereinfachte.

Die Wendung zu Kind Nummer drei kam nicht mit einem großen Knall. Die ersten Anzeichen tauchten schleichend auf. Ich merkte es nicht sogleich, aber meine Frau veränderte sich ein wenig. Es gab Momente in denen sie sich zurück zog und Gespräche an bestimmten Stellen mit mir nicht zu Ende führte. Das war absolut neu für mich. Denn meine Frau ist meine absolute Vertrauensperson. Anfangs schob ich es auf den Wunsch nach etwas Ruhezeit für sich selbst. Schließlich kostet so eine kleine Familie manchmal viel Kraft. Eines Abends aber rutschte der Grund für ihre Veränderung über ihre Lippen: „Ich werde den Gedanken und Wunsch an ein drittes Kind nicht los“. Wumm. Da war es raus. Ich hatte sofort den Satz der Hebamme und meine Gedanken dazu im Kopf. Für mich war unsere Familie komplett und bis dato waren meine Frau und ich der Meinung, dass alles so gut sei wie es ist.

Bild von Mario

In der Überzeugung, dass meine Frau nur eine emotionale Phase „durchmacht“, fing ich natürlich an, zu argumentieren. Ich meinte für uns beide die Situation rational durchstehen zu müssen. Ich hatte das Gefühl, meiner Frau in diesem emotionalen Spannungsfeld zwischen Wunsch nach einem dritten Kind, dem Verantwortungsgefühl unseren Kindern gegenüber und der Ungewissheit bezüglich der Entwicklung ihrer Erkrankung beistehen zu müssen. Genau diese drei Punkte umfassten meinen argumentativen Ansatz fast vollständig. Garniert wurden diese Argumente mit finanziellen Aspekten, Rationalitäten (wir bräuchten ein größeres Auto), aber auch Ängsten bezüglich der Krankheit meiner Frau. Dabei übersah ich fast vollständig, dass meine Frau meine Sorgen bzgl. des Einflusses ihrer MS komplett teilte, aber ihr Herz sich bereits für das noch nicht schlagende zweite Herz in ihrem Bauch entschieden hatte.

Ich liebe meine Frau und meine Kinder. Ich kann mich an vielen Kleinigkeiten mit ihnen erfreuen und bin sehr gerne Papa und Ehemann. Irgendwann dämmerte es mir dann, dass ich, bevor ich für meine Frau rational argumentieren sollte, verstehen musste, wie ich denn nun wirklich zu der Frage nach einem dritten Kind stehe. Ich hatte seit dem Verlassen des Kreissaals nach der Geburt unserer MiniSchnecke nie wieder wirklich darüber nachgedacht, geschweige denn in mich hinein gefühlt.

Doch darum kam ich nun – wenn ich meine Frau, unsere Beziehung und unser Leben ernst nehmen wollte – nicht mehr drum herum.

Es ist nicht so, dass ich mich davor gedrückt hätte oder dem Thema bewusst aus dem Weg ging. Für mich waren wir schlicht komplett.

Mario lacht

Ich begann also mir die Babybilder meiner Töchter anzuschauen und mir vorzustellen, wie es wohl wäre, wieder so eine kleine Wurst in den Armen zu halten. Den wundervollen Duft dieses kleinen Wesens einzuatmen und zu spüren, wie es sich mit dem Urvertrauen eines Kindes in meine Arme schmiegen würde. Nun versuchte ich wieder zu argumentieren, nur diesmal mir selbst gegenüber. Ich will nicht verhehlen, dass das eine oder andere ursprüngliche Argument gegenüber den in mir erneut aufkeimenden Gefühlen ziemlich schwach daherkam und ich mich zu schämen begann. Zu schämen dafür, dass ich nicht nur die Gefühle meiner Frau mit nüchternen Fakten versuchte, zu beruhigen, sondern auch Scham mir und meinen Kindern gegenüber, fast so als ob ich unser Glück nicht zu schätzen wüsste. An welcher Stelle meine Argumentation endete, meine Bedenken schwanden, meine Sorgen sich verflüchtigten, kann ich nicht genau beantworten. Ich weiß nur, dass auch für mich alle Contra-Punkte plötzlich nichtig waren. Seit dem positiven Schwangerschaftstest freue ich mich auf unser drittes Kind mehr denn je. Und ich sorge mich bei jedem Arztbesucht, ob mit unserem kleinen Schneckerich alles in Ordnung ist. Und vor allem natürlich wie er wohl aussehen wird, mein Sohn.

Was soll ich sagen? Das harte Geräusch des CTGs lässt mich das Herz meines dritten Kindes hören. Ich werde ein drittes Mal in diesen Kreissaal eilen und ihn als Dreifachvater verlassen. Weg sind alle Gedanken, Sorgen, Ängste. Sie sind der Aufregung, Neugier und Vorfreude gewichen, bald unser drittes Kind in den Armen zu halten. Wir werden uns als Familie wieder neu finden müssen. Jeder seine Rolle für sich, alle fünf. Dabei wird das Leben weiter Unvorhergesehenes für uns bereithalten, dem wir uns stellen müssen, das wir bewältigen müssen. Ob es sich dabei um die Krankheit meiner Frau dreht oder ganz andere Dinge, aber immer zusammen als Familie. Doch auch dafür ist Familie da. Definitiv klar ist jedoch, dass es keine Gründe gibt sich nicht für das zu entscheiden, was man liebt.