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Thema: Kinder

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Portrait von Christina

Entscheidungen

Meine Kinder sind groß, zwei von Dreien sind erwachsen, aus dem Nest gefallen.Mit unserem Sohn erleben wir gerade die Höhen und Tiefen der Pubertät. Mit siebzehn gibt es die ersten Flugversuche, die erste Liebe, Partys, die Frage nach der Berufsorientierung. Ein erstes Enkelkind ist gerade eingeschult worden, ein zweites Enkelchen will gerade erst ins Leben.

Dazwischen, dahinter, davor und immer irgendwie präsent sind Eltern wie wir, ganz normal, wie in Hunderttausend anderen Familien auch: Harmonie, Reibereien, Gespräche, Mittagessen, Familie….. Und doch gibt es diesen Unterschied: In unser banales, normales Leben hat sich die olle Tante geschlichen. Multiple Sklerose ist für eine/jede Familie nach wie vor ein Schock. Eiskalt läuft es einem den Rücken hinunter. Die ganze Familie gerät aus den Fugen, alles purzelt zunächst durcheinander. Szenarien, die beängstigend sind, sausen allen Angehörigen durch den Kopf. In meinem Leben stellt sich die Frage nicht mehr: Will ich mit dieser Erkrankung Kinder haben? Ich muss mich nicht mehr entscheiden.

Vielmehr stellt sich die Frage: Wie gehen meine Kinder mit dieser neuen Lebenssituation um? Unser Sohn war damals zwölf Jahre alt. Da spürt ein Kind zum ersten Mal, dass seine Eltern sterblich sind. Multiple Sklerose ist nicht tödlich. Aber weiß das ein Kind? Man muss es ihm sagen, und zwar deutlich. Die Ängste, die Kinder ausstehen, sind komplex und voller beängstigender Bilder. Unsere Töchter waren schon erwachsen, ihre Überlegungen gingen in eine ganz andere Richtung: Wie wird die MS sich ausbreiten und dann auswirken? Wird unsere Mutter ein Pflegefall? Wie schlimm wird es werden? Was können, was müssen wir dann tun?

Einen Angehörigen zu pflegen ist kein Pappenstiel.  Noch ist es nicht soweit, aber diese Verantwortung, die meine Kinder mir gegenüber empfinden, schwebt plötzlich über Allem wie eine riesige unheilvolle Wolke.Unsere jüngere Tochter ist Krankenschwester. Von dort kam sofort die Aussage:„ Ich werde dich pflegen, keine Frage.“

Unsere älteste Tochter wohnt weit weg, ich konnte an ihrem Gesicht ablesen, dass sie sich gefragt hat, inwieweit diese Krankheit ihr Leben beeinflussen oder verändern wird. Weil sie sich mir gegenüber verantwortlich fühlt. Die Welt steht auf einmal Kopf, wo wir als Eltern immer Verantwortung gegenüber unseren Kinder empfunden und auch wahrgenommen haben, sind sie es plötzlich, die den Stab in der Hand halten. Da sehe ich tatsächlich meine eigene Verantwortung gegenüber meinen Kindern. Ich will sie nicht mit einem Verantwortungsgefühl mir gegenüber herumlaufen lassen, das ihr eigenes Leben völlig aus der Bahn werfen kann. Nur schöne Worte und Beteuerungen allein können diese Ängste nicht nehmen. Am Ende stehen sie dann da und müssen womöglich entscheiden, wie es weitergeht.

Auch unsere Kinder haben nur ein einziges Leben, in das wir sie geschickt haben. Sie sollen es so gut und so unbeschwert wie möglich leben. Das ist meine feste Überzeugung. Aus dieser Überzeugung heraus habe ich nach dem bestmöglichen Weg  aus dieser Verantwortungsmisere gesucht. Ich wollte eine handfeste Richtung, die uns als Familie sicher macht. Ohne Schuldgefühle, ohne Seelendilemma. Die für mich praktikabelste Lösung war der Gang zum Anwalt. Ich habe dort recht detailliert festgelegt, was im Falle meiner Pflegebedürftigkeit oder meines Ablebens passieren soll.Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht waren die Lösung meines Problems.

Es kostete zunächst Überwindung schwarz auf weiß festzulegen, was passieren soll, wenn ich nicht mehr selber für mich entscheiden kann. Aber im Nachhinein bin ich sehr glücklich mit dieser Entscheidung. Ich bin sicher, dass alles so passiert, wie ich es mir vorgestellt habe und ich habe die Last der Verantwortung von den Schultern der Kinder genommen.

GZDE.MS.16.06.0626