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Thema: Neudiagnose MS

Lara über den Dächern von Berlin

Es ist deine Entscheidung.

Ich glaube ja ganz fest daran, dass alles, was passiert seinen Grund, seine Bestimmung hat. Einige Tage vor dem 10. April 2015 bin ich auf ein Lied aus meiner späten Kindheit gestoßen. „Cool“, dachte ich. „Das gehört auf dein Handy!“

Als ich dann am 11. April, ein Tag nachdem ich diagnostiziert wurde, in meinem Krankenhausbett lag und die uns wohlbekannte Flüssigkeit zum ersten Mal in meine Venen floss, spielte mein Handy plötzlich das oben erwähnte Lied.

“Don't stop, never give up

Hold your head high and reach the top.”

Um alles in einen verständlicheren Kontext zu bringen, möchte ich an dieser Stelle noch bemerken, dass die MS-Diagnose an diesem Zeitpunkt zu vielen anderen einschneidenden Ereignissen meines Lebens dazu kam. Kurz vorher bin ich aus einer 5-jährigen Beziehung ausgebrochen, habe mein Studium beendet und hatte keine Ahnung, wer ich war oder wo ich im Leben hinwill. Das einzige, was sicher war, war mein Flugticket nach Bangkok, datiert auf den 22. April 2015. Genau 12 Tage nach meiner Diagnose. Zwei Monate in Thailand und Bali lagen vor mir. Sollte ich diese Reise antreten, wo ich doch so kurz vorher mit einer unheilbaren Krankheit diagnostiziert worden bin? 

“Let the world see what you have got

Bring it all back to you”

Als ich also in meinem Bett im Krankenhaus lag und mir den Kopf darüber zerbrach … nein, das stimmt ja gar nicht. Natürlich kamen Zweifel in mir auf, aber in meinem Herzen wusste ich die ganze Zeit, dass ich fliegen werde. Als ein besonders netter Arzt (jop, das ist ironisch gemeint) mir mitten auf’m Flur - während mein Verband gewechselt wurde - an den Kopf warf, dass das ja keine gute Idee sei, seine Meinung aber nicht wirklich begründete und dann einfach abdampfte, dachte ich mir – jetzt erst recht!!!

“If people try to put you down

Just walk on by, don't turn around

You only have to answer to yourself!”

Lara am Flughafen Berlin-Tegel

Also bin ich am 22. April 2015 die Reise angetreten, die alles für mich verändern sollte. Die MS war zwar mit im Gepäck und ich habe mich auch damit auseinandergesetzt, aber nur wenn ich wollte und erst, als ich mich dafür bereit gefühlt habe. Außer natürlich wenn sie ihren Raum eingefordert hat, die Olle.

Ich hatte auch das große Glück, dass ich in Bangkok bei den Pastoren der deutschen evangelischen Gemeinde gewohnt habe, denen ich schon vorab von meiner Diagnose berichtet hatte und mit ihnen auf einer persönlichen Ebene darüber sprechen konnte. Außerdem habe ich hier eine Freundin, die eine deutsche Ärztin ist. Mit ihr habe ich mich ebenfalls auf der persönlichen, aber auch auf der medizinischen Ebene darüber unterhalten können. Schwieriger war es für mich, mich auf Englisch darüber zu unterhalten, weil mir einfach die Begriffe dafür gefehlt haben und ich auch noch nicht zu 100% wusste, was ich dazu sagen soll. Meist habe ich allerdings darüber gesprochen, was ich nicht mehr kann. Nicht mehr können werde. Vielleicht bald nicht mehr machen kann. Die Antworten darauf waren oft dieselben: „Warum? Du kannst doch immer noch machen, was du willst. Es ist deine Entscheidung.“ Das hat mich jedes Mal auf’s Neue verstummen lassen. War es meine Entscheidung? Ist es meine Entscheidung?

“Don't you know it's true what they say?

In life, it ain't easy

But your time's coming around

So don't you stop trying!“

 

Jedes Mal, wenn die dunklen Gedanken mich überkamen, habe ich mir das Lied angehört. Habe mir wieder und wieder angehört, dass ich nicht aufgeben soll. Dass ich weiter machen soll. Dass ich der Welt zeigen soll, was in mir steckt. Diese Worte haben mich tagtäglich immer weiter darin bestärkt, an mich selbst zu glauben. Ich wusste tief in mir, dass ich alles schaffen kann – ich war nur noch nicht bereit, Taten folgen zu lassen. Ich brauchte noch Zeit. Nach ca. einem Monat beschloss ich, mich mehr mit MS auseinander zu setzen. Suchte im Internet nach Antworten, obwohl ich nicht mal die Fragen wusste. Ich fand „Kleine graue Wolke“ und „Schubweise“ und sah, dass es auch andere Menschen gibt, die diese Diagnose als positiv sehen konnten. Die sich auch nicht verstecken wollen, sondern offen über ihr Leben mit dieser unheilbaren Krankheit sprachen. Ich wusste, ich wollte das auch. Positiv sein. Offen sein. Ehrlich sein. Mich nicht für etwas verstecken, für das ich nichts kann. Die MS hat sich mich nun einmal ausgesucht, es ist wie es ist.

Lara im Tauchanzug

Zwei Wochen später flog ich nach Bali und war zum ersten Mal während dieser Reise ganz allein in einem mir fremden Land. Während ich den Blick auf das tiefblaue Meer schweifen ließ realisierte ich, dass ich mich grade wirklich an dem Ort befinde, von dem ich seit Monaten geträumt hatte. Ich hatte es tatsächlich geschafft, allen Zweifeln zum Trotz. Jeden Tag gewann ich innere Stärke dazu. Ich habe mich sogar getraut, einen Tauchkurs zu belegen und bin am selben Tag 13m tief zu einem Schiffswrack getaucht – 2 Monate nach der Diagnose! Ich war stolz wie Bolle, auch als die Fatigue mich abends heimsuchte. Damals konnte ich diesem Kind allerdings noch keinen Namen geben, dazu war ich noch zu sehr MS Anfänger! ?

Lara auf einem Stein

Worauf will ich denn nun eigentlich hinaus?

Mittlerweile lebe ich seit 2 ½ Jahren mit der MS, oder sie mit mir. Spielt auch keine Rolle, wer mit wem lebt. Was aber eine große Rolle spielt, ist meine innere, ganz persönliche Einstellung. Möchte ich ein positives, glückliches Leben leben? Möchte ich alles erreichen, was ich mir vornehme? Dann werde ich das auch erreichen! Natürlich ist es nicht immer einfach, aber ich kann es schaffen. Ich kann alles schaffen! Ich bin dafür verantwortlich, was ich aus meinem Leben mache, egal ob mit oder ohne MS. Egal wie hart es sein kann – die guten Zeiten werden einen immer belohnen. Auch wenn die dunklen Phasen, das Kribbeln, die Schmerzen immer und immer wieder kommen. Auch wenn die Momente der Verzweiflung manchmal unfassbar hart sind. Auch wenn es manchmal erscheint, dass es sich nicht zu kämpfen lohnt – es lohnt sich doch immer wieder, oder? Auch wenn alles grade grau erscheint, vergiss nie: Die Welt ist bunt! Es ist deine Entscheidung, was du aus dieser harten Zeit, aus dieser Diagnose, aus deinem Leben machst. Ich glaube an dich! <3