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Thema: Echt. MS?

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Neurowissenschaftlerin Prof. Iris-Katharina Penner

Experteninterview mit Prof. Iris-Katharina Penner: Ist das Fatigue oder nur Müdigkeit?

Erschöpft, gelähmt – wie aus heiterem Himmel. Viele MS-Patienten sind durch die Fatigue in ihrem Alltag eingeschränkt. Aber dieses chronische Erschöpfungssyndrom, das häufig mit Müdigkeit verwechselt wird, ist für Außenstehende nicht als eigenständiges Krankheitsbild erkennbar. Um mehr über die geheimnisvolle Fatigue zu erfahren, haben wir mit der Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Iris-Katharina Penner vom Universitätsklinikum Düsseldorf gesprochen.

 

Einblick: Was ist der Unterschied zwischen Fatigue und Müdigkeit? Wie kann man diese beiden äußerlich ähnlich erscheinenden Symptome am besten voneinander abgrenzen?

Prof. Penner:

Fatigue ist das französische Wort für Müdigkeit. Jedoch vom medizinischen Konzept her ist Fatigue etwas komplett anderes. Müdigkeit kennen wir beispielsweise sehr gut, wenn wir abends von einem langen Arbeitstag nach Hause gehen. Die Müdigkeit hat eine klare Ursache, denn wir haben acht Stunden gearbeitet. Bei der Fatigue ist das anders. Ich finde es immer sehr eindrücklich, wenn ein Patient sagt: Schauen Sie, ich stehe morgens auf und dann denke ich, das könnte ein guter Tag sein und nach zwei Stunden breche ich komplett ein. Da geht ein eiserner Vorhang runter und dann geht gar nichts mehr. Fatigue ist nicht an eine äußere Ursache gebunden. Diese kommt aus dem Krankheitsgeschehen, aus der MS selbst heraus. Es ist eine Erschöpfung, die man am ehesten mit dem Zustand bei einer Virusgrippe vergleichen kann. Das ist nicht mit normaler Müdigkeit gleichzusetzen. Bei Müdigkeit kann ich sagen, warum ich müde bin. Bei Fatigue fehlt diese eindeutige Zuordnung.

Einblick: Welche geistigen, körperlichen oder emotionalen Symptome gibt es für die Fatigue?

Prof. Penner:

In der Wissenschaft werden zwei Arten von Fatigue diskutiert: die geistige und die körperliche Fatigue. Patienten berichten immer wieder davon, dass sie die Müdigkeit im Kopf, aber nicht im Bewegungsapparat verspüren. Dann gibt es Patienten, die sagen, dass sie im Kopf eigentlich immer ganz klar sind, aber diese Erschöpfung in den Gliedern empfinden. Die meisten Patienten haben beides in einem unterschiedlichen Ausmaß.

Einblick: Was für anatomische Veränderungen werden mit Fatigue in Beziehung gebracht?

Prof. Penner:

Es gibt Hinweise, dass das Präfrontalhirn zusammen mit dem Thalamus und den Basalganglien eine besondere Rolle spielt. Wenn dort Unterbrüche stattfinden aufgrund von Läsionen, die im Rahmen der MS auftreten, kommt es überproportional häufig zu einem Fatigue-Erleben.

Einblick: Wie häufig ist Fatigue bei Multipler Sklerose?

Prof. Penner:

Man geht davon aus, dass 75 bis 95 Prozent der MS-Patienten betroffen sind. Es gibt einige wenige MS-Patienten, die keine Fatigue haben. Die Mehrheit hat es. Das ist das Symptom, das am meisten belastet. Viele Patienten sagen, wenn die Fatigue nicht wäre, wäre alles irgendwie handhabbar, aber die Müdigkeit und Erschöpfung belasten extrem. Sie können nicht einfach im Berufsleben sagen: Ich muss mich mal eine halbe Stunde hinlegen. Das ist ganz schwierig, den normalen Alltag zu leben und Strategien zu entwickeln, die helfen.

Im Zuge der Fatigue werden viele Patienten berufsunfähig, weil sie ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können. Das objektiv nachzuweisen, ist sehr schwierig. Man muss die Fatigue immer in einem größeren Kontext sehen und sie in Beziehung zu z. B. kognitiver Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit und Depression setzen. Das ist sehr komplex.  

Einblick: Wie wird eine Fatigue diagnostiziert?

Prof. Penner:

Wir arbeiten mit strukturierten Fragebögen. Das sind Selbstbeurteilungsinstrumente, in denen verschiedene Arten von Fatigue – die motorische und kognitive – abgefragt werden. Die Fragebögen beschreiben bestimmte Situationen und der Patient erkennt sich darin wieder oder nicht. Ärzte können so eine Fatigue beurteilen. Dieser Patient hat eine sehr ausgeprägte Fatigue oder eine mittelgradige oder eine leichte und diese Fatigue bezieht sich eher auf die körperliche oder geistige Ebene.

Bei der Fatigue ist es so, dass viele dieser Patienten auch Schlafstörungen haben. Das ist generell bei der MS ein großes Thema. 40 bis 50 Prozent unserer Patienten haben massive Schlafstörungen. Diese sollte man in einem Schlaflabor abklären lassen, denn Schlafstörungen kann man sehr gut behandeln, was wiederum positive Effekte auf die Fatigue hat.

Einblick: Was kann man als Betroffener selbst aktiv gegen eine Fatigue tun? Stichwort Lebensstil.

Prof. Penner:

Was der Patient selber machen kann, ist Sport. Man hat früher gesagt, wenn jemand nicht mehr kann, soll er sich unbedingt ausruhen. Das ist aber falsch, denn je weniger ich mich bewege, desto schlimmer wird es mit der Fatigue. Wir haben gesehen, dass Patienten, die sich ein bisschen herausfordern, mit der Fatigue wesentlich besser zurechtkommen beziehungsweise die Fatigue sogar abnimmt, als bei denjenigen, die das nicht machen. Körperliches Ausdauertraining ist ganz wichtig, denn so wird die Erschöpfungswahrnehmung reduziert. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich Yoga und Achtsamkeitstraining positiv auswirken. Man kann auch etwas an der Ernährung ändern. Es gibt viele Möglichkeiten, entscheidend ist, dass der Patient aktiv und selbstverantwortlich bleibt.

Einblick: Denken Sie, dass es in absehbarer Zeit möglich ist, Fatigue zu heilen?

Prof. Penner:

Eine Fatigue ist sehr komplex. Ich glaube, man kann Patienten Strategien vermitteln, um sie erträglicher zu machen, aber ich würde nie so weit gehen und sagen, sie bekommen diese komplett weg. Aber es gibt ja nichts, was es nicht gibt, und daher wissen wir heute auch nicht, ob nicht doch jemand in einigen Jahren ein wirksames Medikament entdeckt haben wird.

Wir danken Frau Prof. Penner für ihren Einblick!