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Thema: Tabus

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Finde das Tabu

Ein Tabu beruht auf einem stillschweigend praktizierten, gesellschaftlichen Regelwerk bzw. einer kulturell überformten Übereinkunft, die bestimmte Verhaltensweisen auf elementare Weise gebietet oder verbietet. Tabus sind unhinterfragt, strikt, bedingungslos, sie sind universell und ubiquitär, sie sind mithin Bestandteil einer funktionierenden menschlichen Gesellschaft. (Quelle: Wikipedia)

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Aha. So steht es auf Wikipedia. Ich musste erst einmal nachgucken, was es genau heißt: Tabu

Tabus sind also „unhinterfragt“. Interessant. Dann sind Tabus eine Art von Vorurteilen. Oder sie beruhen darauf. Das kann man durchaus so sagen. Gibt es eigentlich nur gesellschaftliche Tabus oder auch richtig private, die nur eine kleine Gruppe betreffen?

Eines der größten Tabus in unserer Familie ist der drohende Verlust meiner Unabhängigkeit.

Da wäre dann die nächste Frage: Was bedeutet Unabhängigkeit für mich?

Im weitesten Sinne bedeutet es für mich, dass ich in allen Bereichen selbstbestimmt leben kann. Ich muss nicht warten, bis jemand Zeit für meine Belange hat. Oder bis ein amtlich bestellter Pfleger mir beim Lippenstift auftragen hilft.

In unserer Familie wird das Thema vermieden, umrundet, mit Blümchen verziert und schön in die Ecke gestellt. Von allen, mich eingeschlossen. Der Einzige, der immer mal wieder Statements in Form von: „Wer weiß, ob du nächstes Jahr noch die Treppe hochkommst“ raushaut, ist mein Mann.

Ansonsten wird wohlwollend beäugt, was ich den ganzen Tag so treibe und ich denke, meine Familie ist um jeden Tag froh, an dem sie sich keine Gedanken um meine Pflege machen muss. Das ist von meiner Seite absolut ok. Ich halte nichts von Schwarzmalerei. „Was-wäre-wenn-Szenarien“ sind überflüssig wie ein Kropf. Es kommt sowieso anders als man denkt.

Das ist unser persönliches Tabu. Aber Wikipedia sagt, dass es sich um ein gesellschaftliches Regelwerk handelt.

Dann müssten es ja auch gesellschaftlich relevante Tabus sein, sonst ist es eigentlich kein Tabu, sondern eine Art „verbales und gedankliches Niemandsland“, wo wirklich Niemand hingehen will. Eine geistige Verbannung sozusagen. Kompliziert.

Da fällt mir etwas ein: Mir passiert es immer wieder, dass meine körperlichen Defizite implizieren, dass ich geistig auch nicht so ganz auf der Höhe bin. Mit mir spricht selten jemand, wenn ich im Rollstuhl sitze, da wird immer mein Mann angesprochen, der mich schiebt.

Ich erinnere mich an ein Einkaufserlebnis: Mein Mann und ich waren in einem großen Drogeriemarkt einkaufen. Ich saß im Rollstuhl, mein Mann schiebend dahinter. Ich habe unseren Einkauf aufs Band an der Kasse gelegt, ich habe dem jungen Mann, der kassiert hat, das Geld gegeben.

Das Rückgeld mitsamt einem „Schönen-Tag-noch-Wunsch“ hat mein Mann erhalten.

Der junge Kassierer hat mich komplett ignoriert.

Vielleicht hatte er Bedenken dieser Art: Am besten nicht mit der Behinderten sprechen. Man weiß ja nie, wie die reagieren. Vielleicht schmeißt die mit Irgendwas, oder sie glotzt mich nur blöde an? Oder ich verstehe die gar nicht, wenn die was brabbelt?

Daraus folgt dann: Und damit ich nicht in die Bredouille komme, ignoriere ich den Behinderten/die Behinderte, dann bin ich auf der sicheren Seite.

drei Affen

Ich hab`s gefunden! Da ist ja so ein Tabu! Strikt – bedingungslos – unhinterfragt. Da passt alles!

So bitterböse wie das klingt, ist es gar nicht. Es ist ja zu verstehen, dass man selber nicht dastehen will wie ein Depp, nur weil so eine Weichbirne im Rollstuhl nicht mehr alle Spatzen im Dachstuhl hat.

Das noch größere Tabu ist:

Mit einem Behinderten spricht ein Nichtbehinderter nicht über dessen Behinderung. Entweder wird der Behinderte ignoriert oder man spricht mit ihm über Unverfängliches, wie das Wetter oder die politische Weltlage. Das liegt sicher daran, dass der Nichtbehinderte nicht weiß, welche Reaktion denn nun zum Thema Behinderung gewünscht ist oder erwartet wird:

Soll es nun Mitgefühl sein oder besser ein Tätscheln auf die Schulter, verbunden mit dem Satz: „Das wird schon wieder?“ Beim Diskutieren der politischen Weltlage fragt sich das kein Mensch, obwohl die Mitgefühl nötig hätte.

Das würde bedeuten, ein Tabu braucht persönliches Betroffen sein, um zu funktionieren. Gibt es Tabus, bei denen niemand persönlich betroffen ist? Das glaube ich nicht. Tabus sind deshalb so unangenehm, weil Mensch sich mit Dingen beschäftigen muss, die im wahrsten Sinne des Wortes unangenehm sind. Tabus sind wie Mauern, die aufgebaut werden, um das Tabuthema auszuschließen, von der Gesellschaft fernzuhalten.

Oh, uupps, hält die Gesellschaft immer noch Behinderte fern? Politisch korrekt ist unsere öffentliche Haltung zu Behinderten auf jeden Fall. Da ist viel zugunsten von Behinderten passiert in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Aber in den Köpfen hängt es fest, das Tabu: Nichtbehinderte sprechen nicht mit Behinderten. Das betrifft allerdings ausschließlich Nichtbehinderte, die ohnehin keinen Kontakt zu Behinderten haben.

Smiley mit Glühbirne

Jetzt habe ich es:

Nichtbehinderte, die keinen Kontakt zu Behinderten haben und deshalb dieses Tabu befolgen, sind lediglich unsicher im Umgang mit dieser speziellen Spezies! Aha!

Dann bin ich immer dann, wenn ich im Rollstuhl sitze, ein „Tabumensch“.

Ohlala, das könnte man ja rasch ändern! Tabumenschen wie Behinderte müssen nur ins Gespräch mit möglichst vielen Nichtbehinderten kommen! Tabus aus dem Bereich der Zwischenmenschlichkeit wären demnach abbaubar!

Ob das Tabu das auch weiß? Übrigens stammt das Wort „Tabu“ aus Polynesien.

GZDE.MS.16.06.0634