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Thema: Neudiagnose MS

Freier Fall

Freier Fall

Das war der erste Gedanke, den ich hatte, als das Monatsthema feststand.

Freier Fall ins Nichts

Mir ist es wie vielen Anderen ergangen: die Diagnose wurde mir quasi im Vorbeigehen in einem Satz „serviert“ und dann war ich allein damit. Das Wort „Allein“ beinhaltet schon den ganzen Schrecken, den der Gedanke an die „Neudiagnose“ in mir auslöst.

Es ist jetzt einige Jahre her, dass die olle Tante MS bei mir diagnostiziert wurde und man sollte meinen, ich bin mit meinen über fünfzig Lebensjahren doch so fest im Leben verankert, dass man sich bei mir nun Tipps holen kann, wie Mensch denn lebt und umgeht mit einer Krankheit, die unheilbar ist und die obenauf auch noch voller schrecklicher Wendungen sein kann.

Bin ich nicht.

Bin ich weit entfernt von.

Warum sollte ich weniger Angst haben, als jemand, der wahrscheinlich jünger ist und gerade die Diagnose bekommen hat? Der einzige Unterschied ist: ich habe mich an die ständige Präsenz der Angst gewöhnt. Denn das ist es doch, was du hast, wenn die Diagnose kommt: Angst.

Mein morgendlicher Check, ob alles an mir noch einwandfrei funktioniert, läuft zwar inzwischen ohne großes Nachdenken ab, aber er findet statt, jeden verdammten Morgen. Bei jedem Pickel, der komisch aussieht und sich dann auch noch komisch anfühlt, kriecht es den Rücken hoch. Es ist das gleiche Entsetzen, die gleiche Kälte wie am Tag der Diagnose. Sofort lässt die Schwerkraft nach und ich befinde mich im freien Fall der Angst.

Ich soll hier gute Laune und Aufmunterung verbreiten, aber so einfach ist das nicht. Und es ist nicht wahr. Nicht wahrhaftig. Sie wird dazugehören, nach der Diagnose. Die ständige Angst, was als Nächstes kommt, denn das gehört zu dieser Krankheit: diese Unfähigkeit, auch nur irgendwas vorherzusagen. Im Guten wie im Schlechten.

Wie sag ich´s bloß?

Einige Gedanken über die Unfähigkeit vieler Ärzte, mit ihren Patienten zu reden…

Hat nun das rüde und unempathische Überbringen der Diagnose etwas mit meinen späteren Ängsten zu tun? Ja vielleicht. Ganz bestimmt sogar. Denn du spürst die Unsicherheit der Ärzte. Du spürst, wie zu gern sie dein Krankenbett verlassen möchten, um Fragen auszuweichen, die nicht zu beantworten sind. Wie geht es weiter? Was wird mit mir passieren? Wo bin ich in zehn Jahren oder auch nur in einem Jahr? Was wird aus meinem Job, meiner Familie, meinen Kindern? Ärzte hassen sowas, wenn sie dir keine Prognose, keine Pille und nichts mitgeben können, das dich und letztlich auch sie glücklich macht.

Als Patient hast du im Diagnosemoment keine Ahnung von dem, was der Arzt dir gerade gesagt hat. Bestenfalls weißt du, dass MS eben kein Muskelschwund ist. Weiter geht das Wissen des Neubetroffenen in der Regel nicht. Du hast tausend Fragen. Sie stehen da und müssen eins ums andere Mal antworten: wir wissen es nicht. Wer will das schon? Schon gar nicht als Arzt.

Aber wenn du als Patient, der gerade das Unheil verkündet bekommt, als erstes erfährst, dass die Ärzte nicht viel mehr wissen als du selbst und dass sie kein Ass im Ärmel haben, das alles wieder gut macht, ist das schon eine besondere Erfahrung in einer sehr besonderen Situation.

Spritze für den Frosch

Wenn ich diesbezüglich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass die Ausbildung der Ärzte sich mehr am Menschen orientiert. Es sitzt ein Mensch dort mit großen Ängsten und einer gehörigen Portion Entsetzen im Genick.

Und es gibt keinen anderen Menschen als den behandelnden Arzt neben dem Patienten in diesem besonderen Moment, der den freien Fall bremsen kann, der unweigerlich nach der Diagnose kommt.

Mein Appell an Ärzte wäre: fang deinen Patienten auf. Lass ihn nicht einfach so ins Nichts stürzen.