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Thema: Ernährung

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Paolas Essen

"Hilft's nix, schadet's nix"

Ich war etwa vier oder fünf Jahre alt, da habe ich von den Nachbarn meiner Oma erfahren, dass das, was wir gerade vor uns auf dem Tisch haben und gleich essen werden, ein Hase ist. Ein Tier. Zuvor hab ich die (sehr lebendigen) Babyhasen aus deren eigener Zucht im Garten noch gestreichelt. Ich war schockiert, verwirrt und tieftraurig. Mit einem hysterischen Heulkrampf lief ich damals auf die Straße (keine Sorge, das war auf'm Dorf), so dass die Nachbarn mit einem Seufzen meine Mutter anriefen: „Dein Kind läuft schreiend durch die Straße, weil es Hasenbraten gibt". Sie sammelte mich wieder ein, aber wirklich weiter darüber gesprochen haben wir nie.

Ich hab einfach nicht verstanden, warum man Tiere umbringt, um sie zu essen und wirklich erklärt hat es mir auch niemand. Weil man aber in dem Alter selbst noch keine wirklichen Entscheidungen treffen kann, wurde einfach weiter gemacht wie bisher und das Thema einfach unter den Teppich gekehrt.

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Ich war 13; als ich endlich alt genug war und meinen Kopf durchsetzen konnte - ich wurde Vegetarierin. Obwohl das hieß, dass für mich Zuhause nicht mehr gekocht wurde und obwohl für mich keine alternativen Produkte gekauft wurden. Kurz darauf entwickelte ich auch noch eine Essstörung, denn in meiner Familie war die Außenwirkung und das Aussehen oberste Priorität. Meine Mutter und Oma hatten da eine strenge Hand und ich hatte im Teenageralter immer noch ein wenig Babyspeck um die Hüften. Etwa zehn Jahre lang war Essen die reinste Qual für mich, ich magerte ab und aß nur noch wenige Bissen am Tag. Ich beschäftige mich obsessiv mit dem Thema Essen, Ernährung, Kalorien. Nach langem Kampf konnte ich mich mit Anfang 20 aus diesem Strudel aus Selbsthass, Depressionen und Ängsten befreien. Ich war natürlich immer noch Vegetarier und das alles passierte vor meiner MS-Diagnose.

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Es gab eine Zeit mit Mitte 20, da aß ich wieder Fleisch. Nicht viel, weil es mir auch gar nicht so wirklich schmeckt und eher den ungesunden Kram. Burger, Döner, Wurst, Leberkäse, Frittiertes. Alles wo man nicht mehr daran erinnert wird, dass es mal ein Tier war. Kurz darauf wurde die MS diagnostiziert. Die Menschen haben verlernt; zu essen; was der Körper braucht und ihm gut tut. Wir leben im Überfluss und zerstören uns dabei selbst. Von innen heraus sozusagen. Denn alles, was ich oben in mich reinstopfe, ist für immer ein Teil in mir.. Ich wäre übrigens auch sehr dafür; dass Schlachthäuser und Tiertransporter aus Glas wären, damit alle Menschen sehen können; was darin abgeht. Denn es ist so leicht; die Augen vor der Realität zu verschließen und sich eine glückliche Kuh auf der Weide mit ihrem Kalb vorzustellen; während man sein EUR 1,99 Hackfleisch vom Discounter in den Einkaufswagen packt. Mal ganz abgesehen davon, dass ein glückliches Tier auch nicht gerne freiwillig stirbt; um gegessen zu werden. Und dass das Kalb von der Kuh getrennt wird, denn die Kuhmilch wird ja für den Menschen abgezapft. Ja, Kuhmilch ist Muttermilch. Von Kühen. Für Kälber. Und eine Kuh gibt deshalb auch nur dann Milch: wenn sie ein Kalb geboren hat. Für mich ist es ein Irrglaube, dass diese Milch für ihr Kalb und all die Menschen reicht. In der heutigen Zeit ist es wirklich nicht mehr notwendig: die Babymilch anderer Lebewesen zu uns zu nehmen. Müsste der Mensch selbst an den Eutern saugen: um dranzukommen, gäbe es schon lange keine Kuhmilch und Milchprodukte mehr in den Regalen. Es gibt wahrhaftig bessere Alternativen. Und der Grund: warum so unfassbar viele Menschen laktoseintolerant sind, liegt daher auch auf der Hand. Der Mensch ist kein Kalb und daher verträgt er die Kuhmilch natürlich nicht so gut. In meinen Augen, sind eigentlich alle Menschen laktoseintolerant, manche merken es nur mehr als andere. Über Hühner und Eier fange ich jetzt lieber gar nicht an zu schreiben, sonst muss ich gleich wieder in eine Tüte atmen; weil ich mich so aufrege.

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Der wohlhabende Mensch der westlichen Welt hat den Bezug zur Umwelt, zu Tieren und zur Ernährung völlig verloren. Alles liegt fein abgepackt im Supermarkt. Es ist nur noch emotionslose Ware. Woher es kommt oder was drin ist, interessiert kaum jemanden.

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Den Gedanken von "oben reinstopfen, für immer in mir" fand ich irgendwann so augenöffnend, dass ich nicht nur schlagartig sofort wieder aufgehört habe Fleisch zu essen; sondern ich verzichte auch auf alle anderen Lebensmittel tierischer Herkunft. Keine Milch und Milchprodukte, keine Eier, kein Käse. Zum einen möchte ich einfach nicht, dass unschuldige Lebewesen wegen mir leiden und sterben und zum anderen ist es in unserer Welt einfach nicht mehr notwendig; Tiere auszubeuten. Wenn ein Naturvolk in Afrika oder Südamerika Ziegen tötet; um sie zu essen, ist das wieder etwas anderes. Die Hintergründe und der Umgang sind aber auch ganz anders. Diese groß angelegte Ausbeutung von unschuldigen Lebewesen in der westlichen Welt finde ich unerträglich. Wir haben so viele Alternativen, die gesünder und umweltfreundlicher sind - und dabei auch noch lecker schmecken. Nun kommt erleichternd hinzu, dass ich mich gut mit Lebensmitteln, Ernährung und Kochen auskenne und daher mein Essen immer selbst und möglichst frisch zubereite. Zusatzstoffe, Geschmacksverstärker, E-Nummern, Transfette, zu viel Weißmehl und raffinierter Zucker kommen neben tierischen Lebensmittel auch nicht auf meinen Teller. Seit ich mich extrem gesund und vegan ernähre, habe ich übrigens keinen wirklich ernsten Schub mehr bekommen. Ich sage auch hier nicht, dass es einen kausalen Zusammenhang gibt. Ich sage aber auch nicht, dass es keinen gibt. "Hilft's nix, schadet's nix", sagt man wo ich herkomme. Denn die gesunde und vegane Ernährung tut mir und meinem Körper einfach gut. Ich fühle mich gut und habe ein gutes Gewissen. Wer jetzt denkt, es gibt nur Salatblätter und Körnerfraß zu essen, den kann ich beruhigen. Ich ernähre mich vermutlich besser als der durchschnittliche Fleischesser. Und es heißt auch nicht, dass es nie Kuchen oder andere Süßigkeiten gibt. Sogar auf Reisen in ferne Länder finde ich in jedem entlegensten Winkel noch etwas zu essen. Und man stelle sich mal vor - es fehlt mir nicht mal an Protein. Denn auch das kann man aus anderen Quellen sehr einfach zu sich nehmen. Ich muss mich auch nicht quälen, um das "durchzuhalten" und es fällt mir auch nicht schwer. Die größere Qual wäre für mich, wenn ich tierische Produkte essen müsste.

Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass ich die für mich optimale Ernährungsform gefunden habe, bei der ich mich wohlfühle und die mir gut tut. Und das ist doch die Hauptsache!

Paoloas Eis