Was suchen Sie?

Thema: Familienplanung

Multiple Sklerose Familienplanung Teddy

Kinder bekommen mit Multipler Sklerose? Die Geschichte von Renate

Die Entscheidung für oder gegen Kinder wird durch die Diagnose „Multiple Sklerose“ sicherlich nicht vereinfacht. Daher habe ich mich mit unterschiedlichen Personen unterhalten, die ebenfalls MS haben. Ich wollte erfahren, wie sie sich entschieden haben und natürlich die Gründe dafür. Den Anfang macht meine Unterhaltung mit Renate.

Renate

Beim Aquafitness für MS-Erkrankte haben wir uns kennengelernt. Irgendwann sprach sie mich an. Ich war gerade mit meinem ersten Kind im 6. Monat schwanger und Anfang 30. Renate war 56 Jahre alt und seit 32 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt.* Um zum Schwimmbad zu gelangen, benötigte sie einen Rollator. Sie war die erste Person mit so einem Hilfsmittel, die ich kennenlernte.

Wir unterhielten uns ein wenig. Sie wollte wissen, im wievielten Monat ich schwanger war und wie es mir erging. Ich berichtete ihr strahlend, wie wohl ich mich fühlte und dass mich die MS weitestgehend in Ruhe ließ. Ich freute mich, dass ich immer kugelrunder wurde. Sie lächelte, aber es war kein unbeschwertes Lächeln.

Irgendwann nahm sie ihren Mut zusammen – das konnte ich ihr ganz genau ansehen – und fragte mich: „Hast du denn gar keine Angst, dass du dich irgendwann aufgrund der Multiplen Sklerose nicht mehr um dein Kind kümmern kannst? Und wird die MS nicht eigentlich vererbt?“

Ich erzählte ihr, dass ich diese Angst überhaupt nicht spürte. Ich hatte keine Angst davor, mich einmal nicht mehr um mein Kind kümmern zu können. Ich glaubte fest daran, dass das Universum es gut mit mir meinte und es irgendwie für mich richten würde: „Es wird alles gut werden. Da bin ich mir ganz sicher!“

Dann fragte ich sie, ob sie selbst Kinder habe. „Nein“, antwortete sie. „Weißt du, vor über 30 Jahren, als ich die Diagnose bekommen habe, rieten mir die Ärzte dringend davon ab, schwanger zu werden. Da gab es noch nicht so viele positive Beispiele, die Mut machten. Auch war die Forschung noch nicht so weit vorangeschritten. Da hat sich viel getan in den vergangenen Jahren.“ Ich musste schlucken. „Das war bestimmt nicht einfach für dich, oder?“, fragte ich sie.

Daraufhin begann sie zu erzählen:

„Weißt du, für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen. Ich war ja erst Mitte 20 und gerade frisch mit meinem Mann verheiratet. Und ich hatte so einen schweren Schub, dass ich zeitweise nicht gehen konnte. Damals rieten mir die Ärzte auch zunächst davon ab, Sport zu treiben. ,Liegen!ʻ, so lautete die Devise. Ich begann dann selbst irgendwann zum Beispiel wieder Spaziergänge zu machen und schwimmen zu gehen, weil ich merkte, dass mir das guttat. In dieser Situation schwanger zu werden, da war gar nicht daran zu denken. Ich wusste ja selbst überhaupt nicht, wie es mir einmal gehen würde. Die Ärzte machten mir nicht gerade Mut. Sie prophezeiten mir in naher Zukunft den Rollstuhl und rieten mir dringend davon ab, Kinder zu bekommen.

Ein bunter Teddybär

Zu unsicher blieb, wie lange ich überhaupt noch laufen konnte. Auch wussten sie damals nicht, ob die MS vererbt wird. ,Frau L., mit einer Multiplen Sklerose sollten Sie nicht schwanger werden!ʻ, sagten mir damals die Ärzte.“

„Wie war das für dich damals? Und wie ist das für dich heute?“, fragte ich sie.

„Ich habe lange gebraucht, mich damit abzufinden“, berichtete sie. „Kinder gehörten bis dato immer in meine Lebensplanung. Mindestens zwei wollte ich einmal haben. Aber dann jagte ein MS-Schub den nächsten. Da hatte ich zunächst überhaupt keine Zeit, darüber richtig nachzudenken. Auch raubte das die Leichtigkeit und Zuversicht, den ,Plan Bʻ trotzdem anzugehen und der MS zu trotzen. Aber wenn ich schwangere Frauen auf der Straße gesehen habe oder Babys in meinem Freundeskreis oder der Familie geboren wurden, spürte ich immer einen Schmerz. Es hat lange gedauert, bis ich meine Fröhlichkeit wieder hatte und ich wieder unbeschwert lachen konnte.“

„Wie hast du es geschafft, aus diesem schwarzen Loch wieder herauszukommen?“, fragte ich sie.

„Mein Mann hat mir dabei sehr geholfen. Lange dachte ich, dass er bestimmt nicht bei mir bleiben, sondern sich eine andere Frau zum Kinderkriegen suchen wollte. Aber dann sagte er mir, dass ich mir keine Sorgen machen sollte. „In guten wie in schlechten Zeiten!“, so erklärte er es mir. „Und nun sind halt schlechte Zeiten. Aber die guten werden auch wieder kommen. Dann wird es dir wieder besser gehen und dann machen wir es uns schön, auch ohne Kinder.“ Und so war es dann auch. Irgendwann ging es mir gesundheitlich besser und wir konnten auch zum Beispiel wieder reisen oder uns mit Freunden treffen. Das haben wir dann einfach genossen. Auch haben wir viele Nichten und Neffen bekommen, um die wir uns immer gerne gekümmert haben, wenn es mir gut ging.“

Ich wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. Renates Leben mit der Diagnose „Multiple Sklerose“ war so anders verlaufen als meines. Nun saß ich vor ihr, im 6. Monat schwanger trotz MS-Diagnose, voller Zuversicht und von den Ärzten in meinem Vorhaben bestärkt. Aber Renate lächelte mich an und sagte: „Ich freue mich für dich und dein Baby. Das ist doch toll, dass sich in der Zwischenzeit so viel rund um die MS getan hat. Ich hoffe für dich, dass alles gut geht!“

* Renate heißt eigentlich gar nicht Renate und beim Aquafitness haben wir uns auch nicht kennengelernt. „Renate“ hatte mich für ihre Geschichte gebeten, anonym zu bleiben.