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Thema: Kompromisse

Kompromisslos – ganz ohne Kompromisse

Wenn man, natürlich ungefragt, eine chronische Erkrankung aufgedrängt bekommt, verändert man sich. Viele mögen das leugnen. Aber natürlich macht es etwas mit einem, plötzlich nicht mehr gesund zu sein, es nie wieder zu werden und, wie im Fall der MS, keinen blassen Schimmer zu haben, welche Symptome einem als Nächstes so blühen könnten.

Bewusst kompromisslos mit Multiplert Sklerose leben

Damit einher geht dann das Bedürfnis, die „Zeit, die noch bleibt“ – also die Zeit, in der die Einschränkungen sich noch in Grenzen halten – möglichst effizient zu nutzen. Da wird eine Bucket-List erstellt, die es abzuarbeiten gilt, soweit es möglich ist, oder es fallen vorschnelle Entscheidungen, die es später bitter zu bereuen gilt.

Ich selbst habe im ersten Jahr nach meiner Diagnose viele seltsame und völlig unbewusst kompromisslose Dinge getan, die nun, einige Jahre später, noch immer bitter schmecken. Ein Beispiel ist der Kauf eines großen Autos – das wir in der Großstadt eigentlich gar nicht brauchen, wie mir nun klar ist. Die Finanzierung habe ich trotzdem noch am Bein. Dumm gelaufen! Kompromisslosigkeit ist also nicht immer gut – ob krank oder nicht.

Bewusst kompromisslos

Die kompromisslosen Entscheidungen haben nicht nur mit der Schockstarre nach der Diagnose zu tun. Viele der Kompromisslosigkeiten sind – mittlerweile – sogar ganz bewusst gewählt. Dieser Prozess beginnt mit der Überlegung, dass so eine chronische Krankheit plötzlich unheimlich viele Kompromisse von einem Menschen verlangt. Da wären als Erstes die ungleich viel mehr Arzttermine, die im Verhältnis zu einem gesunden Menschen zu absolvieren sind. Wir MS-Patienten akzeptieren zum Beispiel kompromisslos, dass wir jedes Jahr in dieses hässliche MRT steigen, das Hämmern und Dröhnen und außerdem die schlechte Musik aus den Kopfhörern ertragen. Denn um die Läsionen in unseren Köpfen und Rücken zählen zu können, gibt es ja leider keine Alternative.

Wir müssen große Änderungen in unserem Alltag auf uns nehmen und die größer werdenden Einschränkungen tolerieren. So empfinde ich es tatsächlich als sehr großen Kompromiss, dass ich einfach überhaupt keinen Alkohol mehr trinken kann, seitdem ich MS habe. Ich vertrage ihn gar nicht mehr. Alle winken ab, wenn ich berichte, dass das mit gesellschaftlicher Ausgrenzung einhergeht. Doch so ist es. Denn wie soll man nur eine geschäftliche Feier absolvieren, wenn man als Einzige jedes angebotene Glas ablehnen muss („Nein, ich bin nicht schwanger, haha.“) und als absolute Spaßbremse dasteht, sobald Pegel und Stimmung steigen.

Weitere Kompromisse, die die MS einem so beschert, haben mit so Einigem zu tun, das Spaß macht. Lange wachbleiben? No way. Tolle Reisen ein Jahr im Voraus planen? Lieber nicht, denn wer weiß, was dann ist … Doch noch ein drittes Kind? Nein, das ist alles zu ungewiss und wer weiß, nachher setzen dann die Schübe ein – lieber nicht, lieber zufrieden sein mit dem, was man hat. Doch noch einmal in einer anderen Stadt oder gar im Ausland leben, das wäre doch toll! Obwohl, nee, blöde Idee. Da hab ich dann ja nicht so ein eingespieltes medizinisches Netzwerk, wie ich es jetzt hier habe. Und so weiter. So zeigt sich: Die Kompromisse, die man mit MS eingeht, sind doch mehr, als man zuzugeben bereit ist.

Dem entgegen stehen vielleicht Aussagen wie: „Alles geht, wenn man nur will!“, „Die MS ist doch kein Hinderungsgrund – go for it!“. Leider ist das mittlerweile für mich, je nach Tagesform, Blabla. Denn nein, es geht alles nicht mehr so easy einfach mal, wie das früher ging. Sorry. Alles muss nun einmal viel besser überlegt sein – natürlich, ohne zu viel vorauszuplanen –, sodass irgendwann die Puste ausgeht. Ich habe dann einfach keine Lust mehr, ein total spannendes Leben voller Kompromisse zu planen. Vielleicht nehme ich jetzt einfach alles so, wie es gerade kommt und versuche lediglich, auch ganz kompromisslos, unliebsame Nervthemen und -menschen von mir fernzuhalten.

Meine neue Kompromisslosigkeit

Das ist meine neue Kompromisslosigkeit, die ganz ohne Frage auf dem Nährboden der MS gewachsen ist: eine schützende Schonungslosigkeit. Denn was ich inzwischen vollkommen kompromissfrei ablehne, ist, lästige Oberflächlichkeiten in meinem Dunstkreis zu dulden. Da habe ich auch schon richtig gut aussortiert. Denn ja, es ist mir egal, ob deine Nägel brüchig sind, und nein, es interessiert mich nicht die Bohne, dass Amazon dir zum dritten Mal die falsche Handtasche geschickt hat. Die Haarfarbe ist nicht so ganz gelungen oder im Luxus-Resort war dieses Jahr die passende Suite nicht mehr frei? Hör ich mir nicht mehr an.

Kompromisslose Toleranz bei Multipler Sklerose

Das ist mir ganz kompromisslos egal. Denn: Ja, es gibt ganz andere Themen im Leben. In diesem, in seiner jetzigen Form so endlichen Leben. Da bin ich nun wirklich einmal kompromisslos intolerant und konzentriere mich auf Themen, die für mich Relevanz und Gewicht haben.

GZDE.MS.19.11.0781