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Thema: Väter & MS

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Herz in der Hand

Lieber Papa …

Ich frage mich, ob du dich an unser letztes Treffen erinnern kannst. Ich war gesund, du krank. Ich glaube, das letzte Mal als wir uns gesehen haben, war ich gerade ein paar Wochen schwanger und es gab Nudelsuppe, die hast du geliebt. War ganz schön schwierig, dich damit zu füttern. In der einen Hand hatte ich den Löffel und in der anderen eine Art Lätzchen, womit ich dir den Mund abwischen konnte.

Du hast es gehasst, so abhängig zu sein und ich habe getan, als wäre es das Normalste auf der Welt, das die Tochter ihren sechzigjährigen Vater füttert. Es hat mir nichts ausgemacht, ich habe es gerne getan. Du wolltest unbedingt nach Hause, nicht mehr in dem verhassten Krankenhauszimmer liegen. Du hast mir mal gesagt, dass es dich runterzieht, weil du die Kirche vom Fenster aus siehst. Du sagtest, jedes Mal, wenn jemand gestorben ist, läuten die Glocken. Tschüss, mach‘s gut! Du wolltest zu Hause sterben. Du wolltest kein Glockengeläut sein, nur damit die anderen wissen, dass es wieder jemanden erwischt hat. Irgendjemanden.... Du hattest Recht! Du warst nicht irgendjemand. Du warst mein Vater. Du bist zu Hause gestorben, so wie du es wolltest, einen Tag vor Heiligabend, 2003. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen – das erste Mal.

Als ich irgendwann im Mai 2011 aufgestanden bin und mein Arm so komisch taub war, dachte ich, dass ich in der Nacht irgendwie blöd drauf gelegen bin. Das dachte ich auch noch an den drei folgenden Tagen. Als ich dann nicht mehr deutlich sprechen konnte, war ich mir sicher, dass es nur daran liegt, weil ich noch müde bin. Hallo? Es war sechs Uhr morgens, das kann schon mal passieren! Kein Thema, alles gut! Dein Schwiegersohn sagte mir, dass ich zum Arzt soll und ich habe mich auch noch mit ihm in die Haare gekriegt deswegen! „Es kam von allein, es geht von allein!“ Das hast du immer gesagt - immer! Du bist nie zum Arzt gegangen. Ist doch alles nicht so schlimm!

Verdammt noch mal, wieso bist du so spät zum Arzt gegangen? Vielleicht hätten die noch irgendwas machen können! Vielleicht hätte die Chemo angeschlagen, wenn du früher hin wärst! Und jetzt? Du bist tot! Hast dich aus dem Staub gemacht, so mir nichts dir nichts! Weg! Ein Haufen Asche in einer Urne! Ein bisschen Staub ist von dir übriggeblieben und du warst so viel mehr.

Nachdem ich angefangen habe zu sabbern, war mir irgendwie klar, dass es eben nicht von alleine geht! Arzt – Überweisung ins Krankenhaus – Lumbalpunktion – MRT –

MULTIPLE SKLEROSE

Weißt du, an welchen Menschen ich zuerst gedacht habe? Noch in der Sekunde, in der ich die Diagnose bekommen habe? An DICH! Du warst nicht mehr da! Ich hätte dich gebraucht und du warst einfach weg, hast mich alleine gelassen damit, hast es dir einfach gemacht. Ich weiß, dass du es nicht ertragen hättest. Du hättest es nicht ertragen, dass ich Multiple Sklerose habe, weil du nichts hättest machen können. Aber ich musste es ertragen. Die Diagnose. Alleine. Ohne dich! Ich hätte dich gebraucht, Mensch, ich wollte, dass du da bist, dass du nicht tot bist! Es wäre deine verdammte Pflicht gewesen bei mir zu sein! Papa, wieso hast du mich damit alleine gelassen?

Ich bin ungerecht. Du hast mich nicht alleine gelassen. Du bist immer bei mir, ich weiß es. Ich höre sogar deine Stimme. Gerade, wenn es mir nicht so gut geht, höre ich dich, wie du mich aufbaust, mir manchmal Ratschläge gibst (Hör auf damit, ich weiß selber, was mir gut tut und was nicht!), ich höre dich und es tut gut!

Hey, Papa, soll ich dir mal was sagen? Mir geht es gut! So viel besser, als ich damals gedacht habe. Multiple Sklerose ist nicht das Ende! Wenn du wüsstest, was alles geschehen ist in der Zwischenzeit.... Dein Enkelsohn, den du leider nie kennengelernt hast, ist so viel DU. Wirklich! Den Humor, den er hat, das ist deiner! Ihr hättet euch super verstanden! Außerdem hat er auch deine Augen. Du lebst in ihm weiter!

Ich bin dir nicht böse. Du bist gestorben, weil der Krebs es so wollte. Du konntest nichts dagegen tun und auch wenn du früher zum Arzt gegangen wärst, hätte man diese zerstörerische Krankheit nicht aufhalten können. Bauchspeicheldrüse. Mensch, was musstest du dir auch immer das Extremste aussuchen... Nein, ich bin froh, dass du gegangen bist, als ich noch gesund war. Ich glaube, das schlimmste für dich wäre gewesen, wenn du gestorben wärst in dem Wissen, dass ich unheilbar krank bin. Das wollte ich nicht für dich und so wie es ist, ist es gut.

Ich glaube daran, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden und dann kannst du deine Nudelsuppe alleine löffeln und mach bloß nicht so `ne Sauerei dabei! Ich hoffe, dass es noch lange, lange dauern wird, bis ich dich in den Arm nehmen kann und dir alles das, was ich zu deinen Lebzeiten versäumt habe zu sagen, nachholen kann, was ich auch tun werde! Wird ein ziemlich langes Gespräch werden, aber dann haben wir ja Zeit.

Apropos Zeit – ich habe noch so viel zu tun. Ich habe so viel vor, was ich machen will. Tut mir leid, wenn ich meinen Brief an dich jetzt schließe aber ich muss das JETZT tun! Das verstehst du doch, oder?

Wir sehen uns Papa! Ich hab dich lieb und bis irgendwann in ferner, ferner Zukunft! Ich sterbe nicht so wie du an der Krankheit, sondern mit ihr – irgendwann mal, wenn ich alt bin. Es sein denn, ich gehe über die Straße, übersehe den Bus und.... Quatsch! Lassen wir das ;)

Mach`s gut und bring da oben nicht alles durcheinander!

Alex