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Thema: Frühverrentung

augeschlagenes Buch

Mein kräftezehrender Kampf um die Erwerbsminderungsrente

Mitten im Alltag, mitten im erfüllten Job, mitten im Leben – dieses Wort und die Gewichtung dieses Wortes! FRÜH – VERRENTUNG! Erwerbsunfähigkeitsrente (EU). Ein Schlag in ein erfülltes und doch sehr eingeschränktes Leben.

MS-Diagnose und FATIGUE

Fangen wir vorne an: Meine Diagnose bekam ich 1994 und ein erblindetes und nach außen gelähmtes Auge waren schon Schock genug! Es folgten aber gute MS-Jahre, bis 2006 in neuer Schub mein Leben erneut auf den Kopf stellte, denn von da an ging es abwärts mit der MS und auch abwärts mit meiner Lebensqualität – die FATIGUE hielt Einzug in mein Leben und zwar so heftig, dass sie mich regelrecht aushebelte.

Arbeiten gehen war noch möglich, aber ich spürte schon bald, dass ich als Erzieherin in einer großen Kita mit all dem Lärm, dem Gewusel und dem immer 100%ig anwesend sein müssen, immer schnell, sofort und unmittelbar reagieren müssen, an meine MS-Grenzen stieß.

Frau schaut in ein Buch

Ich wurde immer häufiger für längere Zeit von meinem Neurologen krankgeschrieben und eines Tages fragte er DIE Frage schlechthin: „Haben Sie schmal an eine Frühverrentung gedacht?!“.

Entsetzen – Rente?

Entsetzen: ich sehe mich noch auf der Untersuchungsliege liegen und ihn anstarren – voller Unglauben. ICH sollte meinen geliebten Job aufgeben? Und doch kam auch gleichzeitig ein kleines Stimmchen der Erleichterung in mir hoch und diesem spürte ich nach.

Ich erbat mir noch Zeit zum Nachdenken, aber kurze Zeit später war klar: wenn ich nach dem Arbeitstag nicht mein Leben lang völlig erschossen, kraftlos und „nutzlos“ herum liegen wollte, wenn ich mir also ein klein bisschen Lebensqualität zurück holen wollte, dann würde ich um eine Teil-Verrentung nicht herumkommen.

Also besprach ich das alles mit meinem Neurologen und mein Mann unterstützte mich mit dem trotzdem recht schweren Gang zum Renten-Amt: der Antrag auf teilweise Erwerbsminderungsrente wurde also gestellt. Und ich wurde weiterhin krankgeschrieben, da mich die Fatigue völlig lahm legte.

Rentenversicherung

Was dann folgte – über ganze vier Jahre hinweg, war ein Albtraum, ein Horrorszenario der besonderen Art: die Rentenversicherung schickte mich erst einmal zu einem Gutachter, der leider meine Fatigue nicht als das wahrnahm, was sie war und deshalb wurde ich anschließend noch in eine Reha geschickt.

Ich hatte dort das Pech, dass man mir vorwarf, ich würde simulieren. Wenn ich sage, dass es die schlimmsten fünf Wochen meines Lebens waren, kommt das in Etwa hin, denn so gedemütigt habe ich mich noch nie gefühlt.

Es war wirklich ein Drama  „beweisen zu müssen, WIE behindert ich bin“, und das, obwohl ich einfach nur gesund und fit sein wollte. Ich wurde dort dermaßen schlecht behandelt, dass es im Nachhinein gesehen ein Wunder ist, dass ich diesen Aufenthalt OHNE Schub überstanden habe. So erniedrigt und gedemütigt, so „in Frage gestellt“ wurde ich wirklich noch nie und ich musste mit meiner Psychotherapeutin zu Hause einiges von diesem Erlebten wieder aufarbeiten.

Dass ich danach ein dreiviertel Jahr arbeitsunfähig war, bedarf wohl kaum der Worte.

Über ein Jahr (!) später kam dann der Bescheid, dass mir die teilweise Erwerbsminderungsrente bewilligt würde. Dass man sie mir sehr vordatiert genehmigt hatte, sogar VOR Antragstellung, führte dann wiederum zu einem erbitterten Kampf um Finanzen (Rückforderungen usw.) mit und zwischen Krankenkasse und Rentenversicherung und mir.

Dieses Hin und Her schadete meiner MS noch zusätzlich, aber mein Arbeitgeber kam mir immerhin sehr entgegen und ich konnte ein völlig neues Aufgabengebiet innerhalb der Kita übernehmen und mich nun „nur“ noch Kleingruppen widmen und arbeitete jetzt auch nur noch vier Tage pro Woche mit drei bis vier Stunden am Tag.

buch

Irgendwann verschlechterte sich die Fatigue zusehends und auch der körperliche schleichende Prozess ging abwärts, sodass mir mein Neurologe mehrfach vorschlug, die volle Erwerbsunfähigkeitsrente zu beantragen.

Mittlerweile war ich so fertig, so kaputt und erschlagen, dass ich nur noch ein kleines Aufflammen in mir spürte, das sich gegen eine volle EU wehrte, verbunden mit der Angst, dass es wieder so ein Drama werden würde. Und das wurde es.

Gutachter-Spirale

Ich musste zwei Gutachter konsultieren (wobei ich jedes Mal zum Ausdruck brachte, dass ich keine Reha mehr machen würde!) und der erste dieser beiden Gutachter war wirklich das Bild, das man sich von einem nicht wohlgesonnen Gutachter macht – er hielt mir unpersönlich ein Diktaphon unter die Nase, machte Untersuchungen mit mir wie EEG und Reflexe ( so Dinge, die mit meiner hauptsächlich vorrangigen Fatigue nicht wirklich korrelieren) und die kognitiven Leistungstests waren Tests für schwer Dement-Kranke, sodass ich sie „bestand“, selbst bei Zurückhaltung meinerseits. Ablehnung folgte und eine sofortige MS-Verschlechterung.

Um es abzukürzen: Krankmeldung am Stück, Depressionen und Ängste um die Zukunft, denn die Krankenkasse schrieb mir, dass sie das Krankengeld nicht weiter zahlen; Verbindung mit dem Arbeitsamt und wieder nur Pech mit den Sachbearbeitern – vier Jahre erneute Erniedrigung, Demütigung und Kampf – und meine MS quälte sich schleppend und muckend durch diese Phase meines Lebens.

Hände verstecken ein Gesicht

Der zweite Gutachter hatte ein Einsehen mit mir- er erkannte das verheerende Ausmaß meiner Fatigue und mittlerweile hinzugekommenen anderen Symptomen als das was sie waren: eine enorme Beeinträchtigung – und beschied, dass ich die volle Erwerbsunfähigkeitsrente erhalten solle.

Endlich – geschafft!

Vier Jahre. Vier sehr lange Jahre, die sich gefühlt wie ein halbes Leben anfühlen… und eine Erleichterung, als der Bescheid kam, die mit einem Pseudo-Schub ihren Ausgang hatte.

Auch hier folgten – bis zum heutigen Tag – harte Kämpfe mit der Krankenkasse und der Rentenversicherung, weil es wieder um Nachzahlungen geht – Ich war vor Gericht und habe zwar gewonnen, aber was das für meine MS und meine Nerven bedeutet hat, kann ich nicht in Worte fassen. Und immer noch geht dieser Kampf weiter – er ist finanziell noch nicht ausgestanden.

Behörden-Krieg, DRAMA und die MS mittendrin.
Dankbar bin ich dem Staat zwar dafür, dass es hier die Möglichkeit einer solchen EU gibt, aber dafür, dass er mir so viele schwere und kaum überwindbare Steine in den Weg gelegt hat – dafür bin ich nicht dankbar – das ist schlicht und ergreifend ein Unding!

DANKBAR – Aber der Kampf geht weiter!

Dankbar bin ich meinem Mann und einem guten Bekannten für ihre jeweilige Hilfe.

Und dankbar bin ich nun einfach so, dass ich zumindest endlich in FRIEDEN Zuhause sein kann und mir meinen Alltag mit all seinen notwendigen Pausen, mit all seinem Energiemanagement, so einteilen kann, wie ich es brauche. BRAUCHE!

Und dass ich einen Weg gefunden habe, mit diesem Drama umzugehen – ich kann Bücher schreiben und bloggen.

 

Banner von Multiple Arts

Ich habe wieder mehr Lebensqualität und kann wieder mehr am Leben teilhaben. Das ist wundervoll, aber noch ist es keine wirkliche Entschädigung für diesen Kampf, der immer noch nicht beendet ist.

 

GZDE.MS.16.01.0069