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Thema: Frühverrentung

Klingelschild Rentenversicherung

Mitten ins Leben

Das böse Wort „Erwerbsminderungsrente“ fiel mir mit 48 Jahren ins Leben. Mitten hinein. Ausgesprochen von einer Dame vom Sozialen Dienst, die mich im Krankenhaus besuchte. Sie hatte eine recht drastische Art, mir meine Möglichkeiten quasi vor die Füße zu werfen: -„Sie müssen sehen, was Sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen wollen.“ Ich war sprachlos. Ich war sauer. Ich war völlig entsetzt.

 

Die Frau hatte einen Vogel! Ich stand mitten im Leben! In einem Job, der mir viel Spaß gemacht hat, für den ich eine aufwendige Umschulung mit Abschlussprüfung und vielen Klausuren absolviert hatte. Ich war im öffentlichen Dienst, hatte einen tollen Chef, eine liebe Kollegin und alles rundherum war beruflich einfach phantastisch! Mein Widerstand war erwacht.

Schriftzüge: RÉSISTANCE

Ein halbes Jahr lang lieferten wir uns eine blutige Schlacht, die olle Tante MS und ich. Mit vielen Verlusten auf meiner Seite. Die Bilanz der ollen Tante hingegen war makellos. Sie hatte nicht mal einen Fleck auf der Bluse. Nach monatelanger erneuter Krankschreibung stand ich dann dort vor der Tür.

Klingelschild Rentenversicherung

Was erwartete mich dort? Ein feuerspeiender Drache? Oder das hier:

Schild einer Irrenanstalt

Nichts davon… Vor mir saß ein sehr netter Mitarbeiter, der meinem Mann, den ich vorsichtshalber mitgenommen hatte, und mir haarklein und  „deppenverständlich“ alles erklärte. Was Erwerbsminderungsrente für mich bedeutet, wie es beantragt wird und wie hoch meine Rente ausfallen würde. Unser zweiter Besuch bei der Rentenversicherung verlief ähnlich entspannt. Dieses Mal stand die Kontenklärung auf dem Programm, das war ganz unproblematisch, weil ich keine Lücken in meinem Rentenverlauf hatte. Ich bekam den Antrag mit zum Ausfüllen: 17 Seiten Amtsdeutsch können einen schon zur Verzweiflung treiben:

Brille und Stift liegen auf Formularen

Den dritten Besuch, den der eigentlichen Rentenbeantragung, habe ich allein in Angriff genommen. Schließlich bin ich schon groß und es hat bei unseren beiden ersten Besuchen Niemand den Versuch unternommen, mich aufzufressen oder Ähnliches. Als ich dort allein vor der Tür stand, war mir doch mulmig. Jetzt wurde es ernst, der ausgefüllte Antrag in meiner Hand wog eine Tonne.

Tür vom Amt

Die Tür war riesig und die Klinke schien Kilometer weit weg. Ich hatte nun doch Angst. Hinter dem Schreibtisch saß eine junge Dame, die mich freundlich begrüßte. Das war zuviel, ich brach in Tränen aus. Es dauerte tatsächlich ein Taschentuchpaket lang, bis ich mich beruhigt hatte.

Taschentücher

Die nette Dame ging den Antrag mit mir Stück für Stück durch und als ich unterschreiben musste, wurde es taschentuchmäßig nochmal kritisch, aber nicht so schlimm wie zum Anfang unseres Gesprächs. Es folgte nur wenige Wochen später eine Einladung zum Gutachter. Im benachbarten Bundesland! Schön und gut, ich habe brav dort angerufen und angemerkt, dass ich eine Begleitung brauche, die mich kilometerweit dorthin kutschiert. Allein mit all der Aufregung habe ich mir das nicht zugetraut. Kurze Verwirrung am Telefon und dann die Anweisung an mich, ich könne den Termin vergessen, ich würde Nachricht erhalten. Die ließ auch gar nicht lange auf sich warten, ich erhielt eine Einladung zum Gutachter in meiner Heimatstadt. Mein Mann hat sich extra Urlaub genommen, weil ich so aufgeregt war und mir vor Angst fast in die Hose gemacht habe. Über Gutachter gibt es einen Haufen Gruselgeschichten im Netz. Alle sagen sinngemäß übersetzt etwa das aus: Sie wollen nur deinen Skalp, um diesen dann siegesgewiss durch die Arena zu tragen.

Totenköpfe

Wir saßen zur angegebenen Uhrzeit artig vor dem Büro des Gutachters und warteten. Wir warteten auch noch eine halbe Stunde nach dem Termin und auch noch eine Dreiviertelstunde später. Niemand kam oder ging.

goldene Taschenuhr

Ich erinnerte mich, dass auf der Einladung die Telefonnummer des Gutachters stand. Das  nun folgendeTelefongespräch hinterließ drei perplexe Zuhörer: den Gutachter, meinen Mann und mich. Die Rentenversicherung hatte schon vor zwei Wochen den Termin abgesagt. Ohne Angabe von Gründen, aber mit dem Hinweis, man hätte mich natürlich informiert! Ja klar, wir sitzen ja auch ganz und gar freiwillig vor einem Gutachterbüro und schlagen uns den Vormittag um die Ohren, mal abgesehen davon, dass ich vor Angst kreidebleich war. Der Gutachter, der dann auch noch in seinem Büro auftauchte, war ähnlich ratlos wie wir. Er war entgegen meinen Erwartungen sehr nett und er hatte auch nicht vor, meinen Skalp an seinen Gürtel zu hängen. Im Gegenteil, er rief für mich bei der Rentenversicherung an, um in Erfahrung zu bringen, was da im Busch war. Es war nicht viel zu erfahren, lediglich die lapidare Auskunft, dass mein Antrag schon unterwegs nach Berlin sei. BERLIN ????Was zum Geier ist in Berlin???? Ein Blick ins Internet brachte Licht ins Dunkel. In Berlin ist die Hauptgeschäftsstelle und dort werden auch die Anträge genehmigt oder eben abgelehnt.

Stempel mit Stempelkissen

Ach du grüne Neune! Was hieß das denn jetzt? Gutachtertermin abgesagt, Antrag unterwegs nach Berlin! Eine Woche quälendes Warten. Post im Briefkasten! Ein großer brauner Umschlag! Ich habe mich zunächst nicht getraut, ihn aufzumachen. Mein Puls raste und ich sah vor lauter Aufregung bunte Punkte vor den Augen, das hatte ausnahmsweise mal nichts mit MS zu tun. Die Neugier war größer als meine Angst, ich musste ihn ja irgendwann sowieso aufmachen. Es war mein Rentenbescheid wegen voller Erwerbsminderung. Genehmigt für zwei Jahre, das ist der Regelfall für Erstrentenbescheide.

Formulare

Sie können den Bescheid quasi immer wieder befristen, bis man das reguläre Rentenalter erreicht hat. Theoretisch heißt das: alle zwei Jahre Antrag stellen, Angst vor dem Gutachter, Angst vor dem Bescheid. Meinen Folgeantrag habe ich dann schon mit viel weniger Emotionen ausgefüllt. Nach weniger als zwei Monaten lag ein unscheinbarer kleiner weißer Umschlag in meinem Postkasten.
-„Die Einladung zum Gutachter!“ -  war mein erster Gedanke. Weit gefehlt. Ganz und gar unspektaluär teilte die Rentenversicherung mir mit, dass ich nun unbefristet voll erwerbsgemindert bin. Bis zum Eintritt meiner Altersrente habe ich nun meine Rente genehmigt (was nicht heißt, dass sie mich nicht irgendwann zum Gutachter einbestellen können). Ich war zunächst erleichtert, aber auch traurig, nun war es amtlich: ich bin ein Nichtsnutz! Mein Mann brachte es auf den Punkt: „Jetzt haben sie dich da auch aufgegeben.“ Er meinte das nicht böse, aber so war es wohl. Tagelang schwankte ich zwischen tiefer Depression und spürbarer Erleichterung. Der Satz der Sozialtherapeutin vom Krankenhaus spukte mir im Kopf herum: Sie müssen sehen, was Sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen.“ Ich machte mich auf den Weg.

laufende Füße

Heute bin ich dankbar, dass mir die Rentenversicherung bei meinem primär progredienten Verlauf das Leben eben nicht zusätzlich schwermacht mit immer wieder neuen Anträgen, neuen Gutachterterminen, neuem Stress, was wohl werden wird. Ich habe meinen Zen gefunden; wir haben eine kleine Handspinnmanufaktur gegründet, die mein Mann und ich im Nebenerwerb betreiben. Ich sitze am Spinnrad, ich stricke, häkele, bastele und werkele. Wenn ich müde bin, lege ich mich hin, wenn ich fit bin, werkele ich herum. An Tagen, an denen nichts geht, mach ich blau.

kleiner Turm aus Steinen vor einem See

Danke, Rentenversicherung für dein Verständnis!        

GZDE.MS.16.01.0068