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Thema: Hilfe geben & annehmen

Hilfe bei MS

MS trifft dich – und es gibt keinen richtigen Zeitpunkt

Was würdest du tun?

Was würdest du tun, wenn dich ein sehr guter Freund anruft und dir erzählt, dass er die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhalten hat? Oder besser gefragt, was sagst du? 

An meine ersten Worte kann ich mich gar nicht mehr erinnern, sie waren mit Sicherheit auch nicht äußerst bedeutsam. Klar, ich fühlte mich im ersten Moment absolut hilflos. Ich hatte ja nicht den Plan X, die Checkliste, die ich aus der Schublade holen und abarbeiten konnte. Auf so etwas war ich nicht vorbereitet, auf so etwas ist, denke ich, keiner vorbereitet.

Und dennoch dürfte bei den meisten Personen, nachdem sie es einigermaßen begreifen können, eine übereinstimmende Idee reifen: Ich helfe!

„I need somebody – help!“

Leichter gesagt als getan. Denn Patrick ist jemand, der eigentlich keine Hilfe braucht – so dachte ich, denn so lernte ich ihn kennen und so kenne ich ihn schon seit vielen Jahren. Patrick ist eben ein Macher, der die Dinge anpackt. Bevor du den Gedanken gefasst hast, hat er es eh schon gemacht. Da sind vielleicht auch mal Sachen dabei, auf die ich gar nicht kommen würde und die ich vielleicht auch nicht so machen würde. Aber grundsätzlich war ich der Überzeugung, dass ich mir um Patrick, egal ob in Deutschland oder China, auf der Klippe oder dem Sprungturm, keine Sorgen machen müsste.

Nachdem sich meine anfängliche Schockstarre gelöst hatte und meine Gedanken sich allmählich wieder sortierten, entschied ich mich, alles stehen und liegen zu lassen, Termine zu verschieben, mich ins Auto setzen und knapp 500 Kilometer zu fahren, um da zu sein und Patrick zu helfen. Auch da hatte ich noch keinen Plan, wie ich das machen sollte. Ich habe mir auch bis zur Ankunft nichts zurechtgelegt und auch keinen Text auswendig gelernt. Es wurden schließlich eine Umarmung, ein wirklich ehrlich gemeintes „Wie geht es dir?“ und zwei offene Ohren.

Es geht nicht darum, wie viel ich über die Krankheit „Multiple Sklerose“ zu dem Zeitpunkt wusste, weiß oder wie intensiv ich mich jemals damit beschäftigt habe. Es gibt unzählige Menschen, die sich, gezwungenermaßen oder freiwillig, tagtäglich damit auseinandersetzen und eine sehr große Expertise aufweisen. Ich bin auch kein Mediziner, kein Psychologe. Ich bin ein Freund und ein Helfer.

Und trotz der vermeintlichen Ahnungslosigkeit wissen wir als Familienangehörige, Freunde und sonstige Nahestehende in manchen Fällen vielleicht doch, was demjenigen, der unsere Hilfe braucht und annehmen soll, in diesem Moment guttut. Denn es ist manchmal gar nicht viel, was die Hilfe ausmacht. Ich zum Beispiel war erst einmal nur da. Die Gespräche über das, was ist, und das, was kommen wird, kamen natürlich mit der Zeit, aber das ergab sich dann.

Wieso ich das so gemacht habe, kann ich nicht beantworten. Aber die Frage stellt sich mir auch überhaupt nicht. Ich denke dabei nicht an mich, vielleicht ist es das. Ich frage mich viel eher, was ist gut für den anderen? Was kann ich tun, damit es meinem Freund besser geht? Und das nicht aus einem Pflichtgefühl heraus, sondern aus tiefster Überzeugung und Hilfsbereitschaft.

MS hört nicht auf

Hilfe zu geben hört nicht auf, genauso wenig, wie Multiple Sklerose aufhört. Letztes Jahr erreichte mich ein Anruf von Patrick vom anderen Ende der Welt – aus Südamerika. Ein neuer Schub, zwar genug Medikamente auf Vorrat, aber nichts, was den Schub akut bremst. Zudem, für Patrick ungewöhnlich, plötzliche schlechte Stimmung und ich quasi als Testobjekt für soziale Interaktion. Tja, dorthin fahren und einfach mal da sein, war wohl nicht drin. Wieder eine neue Situation und ich unvorbereitet, leicht überfordert. Aber auch über Telefon und Messenger haben wir es geschafft, dass ich einerseits Hilfe geben und Patrick andererseits die Hilfe annehmen konnte.

Das Beispiel zeigt, dass sich Patricks Einstellung zum Leben nicht von einem auf den anderen Tag geändert hat. Auch nach der Diagnose, nach einem neuen Schub macht er weiter. Turm- und Klippenspringen? Kein Problem. Reisen bis ans andere Ende der Welt? Warum nicht!

Dass Patrick sich nicht aufhalten lässt, das beeindruckt mich und dafür zolle ich ihm höchsten Respekt. Trotzdem wird es wieder Zeiten geben, in denen er meine Hilfe braucht. Dann bin ich da, dann erkundige ich mich, höre ihm zu und versuche, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.