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Thema: Kognition & MS

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Kognition & MS

Multiple Sklerose: Wenn das Denken schwer fällt

Interview mit Professor Dr. Volker Limmroth, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Palliativmedizin Köln-Merheim

Nicht wenige Menschen mit Multipler Sklerose bemerken im Laufe der Zeit, dass sie immer häufiger Konzentrationsschwierigkeiten haben und sich schwer tun, neue Informationen aufzunehmen und zu behalten. Ein langsames Nachlassen der geistigen Beweglichkeit ist mit zunehmendem Alter in gewissen Grenzen normal, der Prozess kann durch Erkrankungen wie die MS beschleunigt werden. Die Betreffenden brauchen jedoch nicht zu fürchten, dement zu werden, erläutert Professor Dr. Volker Limmroth, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Palliativmedizin Köln-Merheim, in einem Interview.

Herr Professor Limmroth, ist ein Nachlassen der geistigen Beweglichkeit normal bei der Multiplen Sklerose?

Prof. Limmroth: Nein, das kann man so nicht sagen. Es gibt tatsächlich Menschen mit MS, die darunter leiden, geistig nicht mehr so beweglich zu sein wie früher, die häufiger etwas vergessen und Schwierigkeiten haben, wenn volle Konzentration gefordert ist. Das ist aber keine zwangsläufige Begleiterscheinung der MS. Aber tatsächlich sehen wir bei MS-Patienten häufiger Teilleistungsschwächen als in der sonstigen gesunden Normalbevölkerung. Man muss zudem unterscheiden, ob tatsächlich die geistige Leistungskraft nachlässt oder ob die beobachteten Veränderungen und vor allem die Konzentrationsschwierigkeiten nicht vielleicht durch eine spezielle Erschöpfung - wir sprechen auch von der Fatigue - bedingt oder mitverursacht sind. Übrigens können auch depressive Verstimmungen, wie sie nicht selten im Zusammenhang mit einer MS auftreten, mit Konzentrationsproblemen einhergehen.

Welche Konsequenzen haben die Störungen?

Prof. Limmroth: Es gibt Patienten, die berichten, dass sie durch die nachlassende geistige Beweglichkeit Probleme am Arbeitsplatz bekommen. Es kann zudem sein, dass es auch in der Familie Schwierigkeiten gibt. Das ist insbesondere öfter der Fall, wenn der Betreffende zusätzlich unter einer Fatigue leidet und damit eher antriebslos und ohne die gewohnte Energie ist.

Verstärken sich die Probleme im Verlauf der Krankheit? Und muss man dann auch Sorge haben, dement zu werden?

Prof. Limmroth: Tatsächlich kann es leider im Verlauf der Erkrankung zu einer Verstärkung dieser Symptome kommen. Das aber heißt keineswegs, dass sich eine Demenz ausbildet. Es treten vielmehr sogenannte Teilleistungsschwächen auf. Konkret bedeutet dass, das die jeweilige Person Schwierigkeiten in ganz bestimmten Bereichen des Denkens hat. Es kann zum Beispiel sein, dass das Kurzzeitgedächtnis oder das räumliche Vorstellungsvermögen betroffen ist. Meist resultiert eine Verlangsamung der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit. Das heißt mit anderen Worten, dass sich die Denkprozesse verlangsamen, wodurch der Eindruck entstehen kann, dass das Gedächtnis leidet. Das aber ist nicht der Fall, die Prozesse laufen einfach nur langsamer ab und die Fähigkeit zum Multitasking lässt nach. Es können also nicht mehr so viele Dinge gleichzeitig erledigt und überlegt werden wie früher. Solche Symptome können selbstverständlich auch zu Beginn der Erkrankung schon auftreten.

Was kann man als Betroffener in einer solchen Situation tun?

Prof. Limmroth: Es ist wichtig, die Beobachtungen mit seinem Neurologen zu besprechen. Dieser wird dann möglicherweise die medikamentöse Therapie umstellen und der individuellen Situation des Patienten noch besser anpassen. Man kann außerdem durch seine Lebensführung durchaus Einfluss auf die geistige Leistungsfähigkeit nehmen. Das gilt eigentlich für alle Menschen, aber für MS-Patienten in besonderem Maße. Es ist dabei wichtig, ein möglichst ausgeglichenes Leben zu führen, Stress wenn möglich abzubauen, ausreichend zu schlafen und sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Eine besondere Rolle spielt körperliche Aktivität. Wer sich regelmäßig bewegt, bleibt bekanntlich auch beweglich und das gilt nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist.

Wie steht es mit einem speziellen kognitiven Training, also einem gezielten Training der geistigen Leistungskraft?

Prof. Limmroth: Man muss die individuelle Situation sehen. Wenn die Betreffenden noch voll im Leben stehen und beruflich aktiv sind, sind sie meist auch ausreichenden geistigen Herausforderungen ausgesetzt. Für all jene, die nicht oder nicht mehr berufstätig sind, empfehlen wir ein Training der geistigen Leistungskraft zum Beispiel im Rahmen einer Neurorehabilitation. Das gilt zudem ganz allgemein für Menschen mit MS, wenn diese bemerken, dass sich kognitive Defizite beginnen zu entwickeln.

Herr Professor Limmroth, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.