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Thema: Väter & MS

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Urlaubsfoto

Papa sein. Später mal…

Es ist später Nachmittag. Ich liege auf dem Sofa und schaue gequält auf mein Handy. Eigentlich müsste ich jetzt los zum Einkaufen, wenn wir wie verabredet Kochen und Abendessen wollen. Aber puh. Die Beine schmerzen, kribbeln, fühlen sich tonnenschwer an. In dem Augenblick eine Nachricht: „Soll ich einkaufen gehen?“ - Als ob er Gedanken lesen könnte.

Mein Herzmann hat sich in unsere Situation gefunden. In das Wechselspiel von Power und Müdigkeit. Er übernimmt ohne zu Murren das Steuer, wenn es mir aus der Hand rutscht. Manchmal so unmerklich, dass ich es erst Tage später realisiere.

Vielleicht ist es diese riesige Kompromissbereitschaft. Diese Akzeptanz. Diese … ja Liebe. Die mich manchmal ein schlechtes Gewissen kriegen lässt. Und die mich darüber nachdenken lässt, ob ich es ihm zumuten kann, Kinder zu wollen. Was passiert denn, wenn ich plötzlich doch nicht mehr kann? Momentan sind es nur Tage, die ich ausfalle. Was ist, wenn es Wochen werden. Oder gar nichts mehr geht.

Es ist nicht der Punkt, nicht mehr so richtig zu können, der mich beschäftigt. Es ist der Punkt, was es mit meinem Umfeld macht. Ich selbst komm schon klar. Da hab ich keine Zweifel. Aber ein kleines Kind? Ein Ehemann, der sich plötzlich um alles kümmern muss?

Wir stehen zusammen in der Küche, die Tomatensoße blubbert vor sich hin, das Gemüse zu schneiden erfordert meine ganze Konzentration. Mein Mann ist sowieso keiner von der Sorte Hektiker, so dass es nicht schlimm ist, dass heute alles mal etwas langsamer von statten geht.

„Du sag mal“, platzt es dann doch aus mir heraus, „hat sich eigentlich deine Vorstellung vom Kinderkriegen und Papa-Sein mit meiner Diagnose damals verändert?“ - „Ja klar!“

Aber nicht im Negativen. Unser beider Bewusstsein von der Bedeutung des Lebens hat sich verändert. Die Diagnose hat uns Vergänglichkeit und Unplanbarkeit vor Augen geführt. Er hat einen ähnlichen Prozess wie ich durchgemacht und sich gefragt, was ist mir wichtig im Leben? Was will ich noch erleben?

„Ein Kind kannst du nicht zurückgeben. Das ist eine grundlegende Veränderung und eine Entscheidung auf Lebenszeit.“

Mein Herzmann hat keine Lust auf gesellschaftliche Konventionen. Warum reden wir denn über Kinder? Weil es bei uns gerade Thema ist? Nein. Weil es von außen kommt. Weil wir jetzt verheiratet sind, im besten Alter, beide im Job. Deswegen nimmt man sich heraus, nachzufragen. Eigentlich ziemlich unsensibel und unhöflich.

„Familie ist wichtig und Kinder können ab einem gewissen Zeitpunkt ja auch eine Hilfe sein.“

Im Flugzeug

Er blickt unerschrocken in unsere Zukunft. Wir wünschen uns beide Kinder. Aber dann, wenn wir dazu bereit sind. Im Hier und Jetzt zu leben bedeutet momentan noch etwas anderes für uns. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir erst zwei Jahre ein Paar waren, als die Diagnose kam. Wir hatten noch zu wenig Zeit als Paar allein erlebt. Mit dem Bewusstsein, wie unberechenbar das Leben ist, saugen wir momentan jeden Augenblick, jedes Erlebnis, jede schöne Erinnerung auf. So als ob wir einen Energiespeicher für den nächsten Lebensabschnitt erzeugen.

„Solange du lächelst, schaffen wir das schon“, sagt mein Herzmann zu mir. Das ist einfach nur Liebe. Oder?