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Thema: Neudiagnose MS

Alex mit ausgestreckten Armen und einem Regenschirm in der Hand

Schneesturm im Kopf

Im Mai 2011 bin ich morgens ganz normal aufgestanden und habe mich geärgert - über meinen schlappen rechten Arm. Ich musste in der Nacht komisch drauf gelegen haben und dachte, dass sich das im Laufe des Tages schon wieder gibt.

Als am darauffolgenden Tag der Arm immer noch nutzlos herum hing und ich nicht mehr deutlich sprechen konnte, schreiben auch nicht ging, bin ich zu meinem Hausarzt gegangen. Der hat einen großen Aufriss gemacht, was ich gar nicht verstehen konnte, mir tat ja nichts weh! Was sollte das schon Schlimmes sein? Ich bekam von ihm eine Überweisung in die Uni-Klinik und sollte unverzüglich dort erscheinen.

Dort angekommen sollte ich

  • auf einer Linie gehen – konnte ich nicht
  • mit geschlossenen Augen auf meine Nase tippen – ging auch nicht
  • meine Arme ausstrecken und gerade halten – auch nicht möglich

Mir wurde ein Zimmer zugewiesen und ohne weitere Aufklärung lag ich dann da. Keine Ahnung, warum. Es war Wochenende, Ärzte waren auf der Station spärlich gesät und so wurde ich langsam ungeduldig. Montag dann endlich kam ein Arzt und ich wollte nun endlich wissen, was mit mir los war. Dieser konnte mir allerdings auch nichts Genaues sagen und meinte, dass ein MRT fällig wäre und außerdem eine Lumbalpunktion, die auch überhaupt nicht weh tun würde und dann gucken wir mal weiter...

Nachdem ich zwei Tage später endlich im MRT war, kam die Schwester mit einer Infusionsflasche und ein Arzt legte mir einen Zugang. Ich wusste immer noch nicht, was mit mir nicht stimmte und der Arzt meinte, dass da eine Entzündung wäre. In der Flasche sei hochdosiertes Cortison und ganz schnell bin ich wieder auf den Beinen. Na also! Ich hab doch gesagt, dass das alles nicht so schlimm ist. Keine Ahnung, wo so eine Entzündung herkommt, aber das Cortison würde mich schon wieder heile machen und dann würde alles seinen gewohnten Gang gehen. Dachte ich...

Und plötzlich hörte meine Welt auf, sich zu drehen

Am Tag nach der überstandenen Lumbalpunktion ging meine Zimmertür auf, eine Ärztin streckte lächelnd den Kopf zum Zimmer rein und bat mich, mitzukommen.

Sie zeigte mir auf dem Computermonitor MRT-Bilder von meinem Kopf und ganz ehrlich, ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie das eigentlich aussehen musste, um als „normal“ durchzugehen. Deshalb habe ich lächelnd gesagt „Oh, in meinem Kopf schneit es!“. Die Ärztin lachte und bat mich, mich zu setzen. Kaum saß ich, sagte sie lächelnd „Sie haben eine Multiple Sklerose!“

Bääääm!

Ich wusste nichts über MS. Ich habe MS immer mit dem Rollstuhl verbunden und war mir sicher, dass das eine tödliche Krankheit ist. Mein Halbwissen hatte ich von dem Buch „Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King. Darin kam nämlich eine junge Frau vor, die MS hatte, ganz furchtbar entstellt war und auch elendig daran gestorben ist.

So fragte ich die Ärztin, „Wie lange noch?“ und meinte damit, wie lange wohl meine Lebenserwartung noch sei. Die Ärztin dachte allerdings, dass ich meinte, wie lange es noch dauert bis ich im Rollstuhl sitze und so sagte sie, dass sie nicht wisse, was in 10 Jahren sei und ich alles machen sollte, was mir gut tut und Spaß macht.

Das kann doch gar nicht sein! ICH sollte sterblich sein? Ich meine so richtig? So jung? Was ist mit meinem Kind, was mit meinem Mann und überhaupt war ich noch lange nicht fertig! Ich will meinen Sohn heiraten sehen, ich will irgendwann Oma werden. Jetzt war das alles dahin. Mein ganzer Lebensplan, meine Unbeschwertheit! Ich würde sterben – bald...

Zwei Tage später hat man mich dann endlich aufgeklärt, dass ich nicht an der Multiplen Sklerose sterben würde - auch lächelnd!

Haha, ist das witzig! Also, was denken Sie denn, Frau Hoffmann? Nichts dergleichen wird passieren. Hahaha!!! Witzig, wirklich witzig - nicht!

Das waren die schlimmsten zwei Tage meines Lebens! 48 Stunden in dem Wissen zu verbringen, dass ich bald sterben werde! Das meinem Mann zu sagen! Ich sage meinem Mann, dass er bald verwitweter Vater sein wird! Es war ein Alptraum, ein einziger Alptraum und genau deshalb, möchte ich heute helfen, über die MS aufzuklären. Vorurteile zu entkräften und vor allem um gerade Neuerkrankten ganz klar zu sagen – IHR.WERDET.NICHT.DARAN.STERBEN!

Alex schaut in die Ferne

Das Leben ist schön

Das alles ist jetzt knapp 7 Jahre her und ich bin immer noch da! Und wie! Mir geht es gut und ich werde nicht an der MS sterben. Ich weiß nicht, was in Zukunft noch auf mich zukommen wird, aber nach zwei weiteren Schüben bin ich nun stabil. Ich sehe die Welt mit anderen Augen, ich will so wenig wie möglich aufschieben, ich will leben und ich genieße es! Ich bin glücklich!

Der Tag meiner Diagnosestellung und vor allem die Tage danach waren meine ganz persönliche Hölle, basierend auf einem fatalen Missverständnis. Allerdings bin ich, nachdem ich endlich erfahren habe, dass ich doch noch alt werden kann, wie Phoenix aus der Asche gestiegen! Ich habe mir geschworen, zukünftig alles, was die Krankheit anbelangt, zu hinterfragen, egal, wie lange es dauert! Ich habe gelernt, mit meiner MS zu leben und die Krankheit akzeptiert. Sie gehört nun zu mir und jedes weitere Jahr, in dem ich stabil bin, ist ein großer Gewinn und ich habe den unbändigen Glauben, dass es lange so bleiben wird! Düstere Gedanken, versuche ich wegzuschieben und glücklichen Platz zu machen!

Abschließend kann ich nur empfehlen, den Neurologen und Ärzten mit Fragen, die einen bedrücken, zu bombardieren! Man sollte klarer sehen, wenn man vom Arzt kommt und sich nicht mit noch mehr Fragen quälen und vor allem, diese nicht, niemals von Dr. Google beantworten lassen!