Was suchen Sie?

Thema: Zeitdruck

Multiple Sklerose Zeitdruck

Tick, tack ...

Ich glaube, in einem meiner vergangenen Beiträge habe ich schon erwähnt, dass ich ein sehr spontaner Mensch bin und damit mitunter mein näheres Umfeld an den Rande des Wahnsinns treibe.

Das alles verstärkt sich mit jedem Jahr, das ich mit der MS verbringe. Bis jetzt habe ich wirklich Glück gehabt, denn von der diagnostizierten hochaktiven Multiplen Sklerose spüre ich nicht so viel. Klar, hier und da mal was. Aber noch nie so, dass ich wirklich nackte Angst bekommen habe. Bis jetzt hält das an, aber wie lange noch?

Wenn ihr meine Texte regelmäßig lest, wisst ihr ja schon, dass es mein Lebenstraum ist, eines Tages wieder zurück in meine Heimat zu gehen. Dauerhaft! Für immer! Mein allergrößter Wunsch! Meine Geschwister, meine Nichte, meine Neffen, alle sind dort. Man trifft sich regelmäßig oder begegnet sich beim Einkaufen. Und ich? Wen treffe ich, wem begegne ich? Außer meinem Mann und meinem Sohn fast ausschließlich fremden Menschen. Obwohl ich die Stadt Mainz wirklich liebe, fühle ich mich in dem kleinen Dorf ganz in der Nähe, in dem wir leben, auch nach über 20 Jahren noch fremd. Ich habe wirklich versucht, das zu ändern. Wollte Bekanntschaften, vielleicht Freundschaften aufbauen, aber irgendwie ist es nie so weit gekommen. Wirkliche Freunde habe ich hier nicht, allenfalls Bekannte, und mir fehlt die Wärme lieber Menschen. Die Vertrautheit.

Als das Thema auf unseren heimischen Tisch kam und ich mit der Sprache rausgerückt bin, dass ich wieder in den Schwarzwald möchte, hat mein Mann nicht sofort abgelehnt. „Vielleicht irgendwann mal.“ Als ich dann noch öfter damit genervt habe, sagte mein Mann: „Muss denn bei dir immer alles sofort sein? Warte doch einfach ab!“

Nein, verdammt! Ich habe keine Zeit! Hört sich furchtbar dramatisch an, aber so empfinde ich es! Ich bin nicht so blauäugig, dass ich glaube, dass die MS mir nichts anhaben kann! Natürlich wird irgendwann der Tag kommen, an dem ein Schub mich umhaut! Wie stark, weiß ich nicht. Aber dann kommen so düstere Gedanken auf, dass das Allerschlimmste eintreten könnte! Was ist, wenn ich irgendwann ein Pflegefall werde? Was ist, wenn das schon nächstes Jahr oder nächsten Monat passiert? Was ist dann? Soll ich dann immer noch abwarten? Dann ist meine Chance, mein Lebenstraum gelaufen, mein Leben auf jeden Fall nicht mehr dasselbe!
 

Tatsächlich ist es so, dass ich mich manchmal gehetzt fühle, vom Leben gehetzt, bei dem ich denke, es rinnt mir einfach so durch meine Finger! Wir haben doch unseren Sohn erst eingeschult und nun kommt er dieses Jahr im Juni schon in die Abschlussklasse! Ich habe graue Strähnen in meine Haare bekommen, mein Mann „jammert“ öfter mal, dass ihm der Rücken ein bisschen weh tut. Wir werden nicht jünger und das Leben rast immer weiter und weiter und lässt sich nicht aufhalten und ich sitze immer noch in diesem kleinen Dorf.
 

Wenn ich manchmal in ein kleines Tief abrutsche, mache ich mir echt Gedanken, was mir auf meinem Sterbebett (hoffentlich erst in ferner Zukunft) so durch den Kopf gehen wird und ich habe große Angst davor, Gelegenheiten verpasst zu haben. Etwas nicht gemacht zu haben, obwohl es mit ein paar Anstrengungen vielleicht durchaus möglich gewesen wäre. Das ist ein für mich furchtbarer Gedanke!
 

Anstrengend, nicht? Ich merke gerade, dass ich dazu neige, etwas zu dramatisieren, aber so empfinde ich nun mal. Ob ich wohl auch so denken würde, wenn ich nicht krank wäre? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass die MS mich irgendwann zurück nach Hause bringen wird! Ich werde irgendwann wieder im Schwarzwald, in meinem Sankt Georgen wohnen! Mit meinem Mann (vielleicht meinem Sohn) und meinen Geschwistern! Wir werden uns regelmäßig sehen, wir werden Geburtstage zusammen feiern, ich werde mit meiner Nichte shoppen gehen. Ich weiß es einfach!
 

Aber die Feier, wenn ich wieder dauerhaft zu Hause sein werde: Ich sage euch, die hat die Welt noch nicht gesehen!