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Thema: Auskotzmonat

Kartenhaus Multiple Sklerose

Unser Kartenhaus

Ich habe mal gelesen, Doppelbelastungen, so zum Beispiel Familie und Beruf, seien sehr belastend. In manchen Fällen ungesund und der Karrierekiller Nummer eins! Na, zum Glück habe ich als Selbstständiger kaum besonders große Karriereaussichten. Zur Familie und der Nicht-Karriere meines Berufslebens gesellen sich dann noch ein (Teilzeit-)Studium und die MS-Erkrankung meiner Frau. So brauche ich also auch nicht über eine „Doppelbelastung“ zu jammern.

Wie schon einmal geschildert, ist es den Umständen geschuldet, dass ich zurzeit kaum über das Einkommen eines Studentenjobs hinauskomme. Daher muss ich auch eine ganze Menge Zeit aufbringen, um die notwendigen Stunden leisten zu können, um einen Umsatz zu erzielen, mit dem ich genug zu unserem Haushalt beisteuern kann. Aber genau diese Zeit wird durch die anderen Faktoren wie Familie und Studium ja beschnitten. So bin ich einfach froh, dass Gina ihre MS zurzeit scheinbar sehr gut im Griff hat. Sollte sie längerfristig mal ausfallen – ich wüsste nicht, wie ich das unter diesen Umständen gerade schaffen kann. Wir stoßen bereits jetzt an alle Grenzen, sobald eines der Kinder mal krank sein sollte und mal eine Woche nicht in die Kita gehen kann. Denn das bedeutet für uns direkt eine Woche keinen Umsatz. Denn die Tage haben ja ohnehin schon zu wenig Stunden, um alles unter einen Hut zu bekommen.

Den engen zeitlichen Rahmen sprengt nun aber auch noch die Vorbereitung auf eine Klausur, an der ich unbedingt teilnehmen muss. Vor Kurzem bekam ich die Nachricht, dass dies mein dritter Versuch sei. Nur schade, dass ich von den ersten beiden Versuchen nur bedingt etwas weiß. Meine Nachforschungen ergaben so weit, dass meine Krankmeldung zu meinem ersten Versuch im letzten Jahr nicht anerkannt wurde. Sie sei zu spät eingetroffen. Nämlich erst am ersten Werktag nach dem Prüfungstermin und nicht mindestens drei Tage vor der Prüfung. So sei sie vom Organisationssystem dieser Uni nicht akzeptiert worden. Na gut. Dann muss sich wohl mein Körper in Zukunft nach dem Klausurenkalender und diesem Organisationssystem der Uni richten. Leider bin ich jedoch nicht über diesen Sachverhalt informiert worden. Im Folgesemester hat mich dann dieses Tool automatisch zu einer Wiederholungsprüfung eingetragen. Sehr zu meiner und der Verwunderung des zuständigen Dozenten. Denn in dem Semester fand dieses Seminar gar nicht statt. Als ich nun versuchte, die Verwaltung darauf hinzuweisen, dass hier vielleicht ein Fehler vorliegen könnte, wurde ich nur wenig freundlich darauf hingewiesen, dass das System mich für einen dritten Versuch eingetragen habe. Dies sei nun mein dritter Versuch. Danach drohe die Exmatrikulation.

Geht es also mal wieder hoch her und ist die zeitliche und situative Belastung für Gina und mich hoch, zeigen sich bei ihr gerne mal MS-Symptome. Kribbeln, gefühllose Finger, Sehstörungen. In den Situationen müsste ich eigentlich einen Anflug von Panik oder wenigstens Angst verspüren. Würde doch gegenwärtig bei einem Schub unser Kartenhaus zusammenfallen. Aber – komischerweise passiert das nicht. Ich weiß nicht genau, warum das nicht geschieht. Sind wir schon zu „abgefuckt“, um so etwas zu spüren? Was passiert, ist meist, dass bei mir ebenfalls körperliche Einschränkungen auftreten.

Mein Tinnitus meldet sich verstärkt. 13 Jahre Bundeswehr gehen halt nicht so spurlos vorüber. Mit seinem grässlichen, dauerhaften Pfeifen und Rauschen, kombiniert mit dem lautstarken Gegröle, Genöle und Gezanke der sich zoffenden Kinder – schon eine harte Mischung. Und der Wind steht mal wieder dermaßen günstig, dass der Einflugsektor des Hamburger Flughafens wieder genau über unserem Haus zu liegen scheint. Und schon ist die Migräne, natürlich stress- und geräuschabhängig, wieder am Start. Und keine Gnade zu erwarten …

So insgesamt bekomme ich da wohl so eine grobe Ahnung, wie es jemandem gehen muss, der eine dauerhafte und chronische Erkrankung hat, die sich durch äußerliche Faktoren triggern lässt.

Dann versuche ich, mir einen Ausgleich zu schaffen. Ich versuche, mir einmal in der Woche eine kinder- und arbeitsfreie Stunde zu nehmen, um ein altes Hobby von mir wiederaufleben zu lassen. Von langer Hand geplant, bereits am Tag zuvor alle Vorbereitungen getroffen, die Geräusche verursachen könnten. Natürlich in vielen kleinen, nicht zusammenhängenden Schritten. Es kommt ja immer etwas dazwischen oder etwas bzw. jemand verlangt mal eben sofortige Aufmerksamkeit. Nachdem also alles vorbereitet ist, stelle ich mir sogar den Wecker auf eine Zeit, zu der ich annehmen kann, dass der Rest sich noch im Land der Träume befinden sollte. Sonntagmorgen, fünf Uhr.

Der Wecker erledigt zuverlässig seinen Job und ich kann ihn abstellen, noch bevor jemand anderes außer mir wach wird. Ich schlüpfe schnell in die bereitgelegten Klamotten und schleiche mich auf Zehenspitzen in die Küche, um mir einen Instantkaffee zuzubereiten (ist am leisesten). Schleiche mich an meinen vorbereiteten Schreibtisch und schließe die letzten lautlosen Vorbereitungen ab. Jetzt habe ich endlich … – „Mama oder Papa!“. Der ältere Sohn muss es gewittert haben. Wie auch immer er das macht! Ab jetzt steht wieder die lückenlose Kinderbetreuung und -bespaßung auf dem Programm. Denn gerade unser älterer Sohn lässt da nicht locker. So versuche ich meiner Frau noch ein paar wenige Stunden Schlaf zu verschaffen, bevor auch sie unweigerlich geweckt wird.