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Thema: MS & Scham

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Sonnenuntergang

„Unser Leuchten“

Im Erdboden versinken wollen. Das Gefühl kenne ich nur zu gut. Wenn ich mich spontan an das peinlichste Erlebnis der letzten Jahre erinnern müsste, wäre es mein Besuch in einem Freizeitpark. Mein bester Freund und ich standen fast zwei Stunden in der Warteschlange vor einer Achterbahn, mit der wir unbedingt fahren wollten. Wir ergatterten sogar die vordersten Plätze, setzten uns hinein und…

als wir angeschnallt wurden, drückte und zerrte der freundliche Mitarbeiter an mir und dem viel zu kurzen Gurt herum. Er schaute mir nicht in die Augen, seine blickten ratlos und beschämt. Mir schwante Böses. Das Ende vom Lied war, dass ich die Achterbahn wieder verlassen musste, ohne auch nur einen Meter mit ihr zu fahren, weil ich schlichtweg zu dick war, um in die Gurte zu passen. Mich trafen innerhalb kürzester Zeit alle Arten von Blicken: mitleidige, schadenfrohe, beschämte.

In diesem Moment realisierte ich zwar, dass es höchste Zeit war, etwas an meinem Lebensstil zu 

ändern, dass ich mich aber bis zu diesem Schock-Moment nicht als die typische Dicke sah, gab mir zu denken. Hätte ich mich selbst so wahrgenommen, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, in diesen Sitz zu steigen und mich einer solch emotionalen Foltersituation auszusetzen.

Wann sind wir scheinbar gesellschaftsfähig, gut, akzeptabel, annehmbar, schön und massenkompatibel? Warum streben wir danach, so einzigartig wie möglich zu sein, um dann doch nur irgendwie bedeckt und unauffällig mit der breiten Masse schwimmen zu können?

Sonnenuntergang

Auffallen um bloß nicht aufzufallen?

Fünfzig Kilogramm und viele, viele Aha-Momente trennen mich von dem damaligen Erlebnis im Freizeitpark. Wenn ich mir heute Fotos von damals anschaue, erkenne ich mich äußerlich zwar nicht mehr so wirklich wieder, aber ich bin innerlich noch immer die gleiche Mone.

Mit dem gleichen Humor, dem gleichen Dickkopf, den gleichen Macken, der gleichen Sensibilität, der gleichen MS-Erkrankung, dem gleichen großen Herz, den gleichen Vorlieben und Abneigungen.

Allerdings ist eines in Form von pieksenden und nervigen Überresten geblieben: das Schamgefühl in Bezug auf meinen Körper. 

Zu den Einschränkungen, die mir die MS beschert, und die mit den Jahren immer offensichtlicher werden, gesellt sich mittlerweile ein Haufen loser Haut. Diese hängt nicht in Lappenform an mir herunter, aber die Masse ist einfach da und mogelt mir locker zwei Konfektionsgrößen und über zehn Kilo mehr in den Kleiderschrank und auf die Waage.

Wo ich mich früher aufgrund meiner angefutterten Fettleibigkeit am See in ein XXXL-Handtuch hüllte, bis auch der letzte Zentimeter meines Körpers mit Stoff bedeckt war, hülle ich mich heute aufgrund der überschüssigen Haut in das selbe Handtuch, welches zwar nun für mich riesig erscheint, aber noch immer den ultimativen Schutz vor bösen Blicken darstellt.

Warum schäme ich mich?

Warum schäme ich mich für einen Körper, der so wahnsinnig viel für mich und mit mir (er-)trägt?

Schmerzen, Erschöpfung, Missempfindungen, wackelige Beine, schlechter werdende Augen und so ganz nebenbei über 60 Kilo Übergewicht, welches er seit gut eineinhalb Jahren wieder erfolgreich verliert.

Warum schäme ich mich?

Scham sorgt dafür, dass ich meinen Kopf senke. Ich laufe rot an, fühle mich unwohl, klein, störend, fremdartig, bin peinlich berührt und möchte die Fähigkeit besitzen, mit dem Schließen meiner Augen auf der Stelle unsichtbar zu werden.

Warum schäme ich mich?

Meine Empathiefähigkeit hat nichts, aber auch gar nichts mit Äußerlichkeiten zu tun. 

Eine liebe Freundin sagte während meiner Abnehmreise mal zu mir, als ich mein dickes Ich fast ein wenig mies machte: Mir fiel die ganzen Jahre über nie wirklich auf, wie stark Du zugenommen hast. Weil ich Deine Augen und Dein Herz gesehen habe. Nur das zählt für mich.

Das hat mich so sehr berührt und trifft den Nagel auf den Kopf.

Wir alle sind okay, so, wie wir sind.

Mit Hund im Sonnenuntergang

Es ist in Ordnung, wenn wir uns körperlich verändern wollen; aber bitte nur deshalb, weil wir selbst FÜR UNS ein größeres oder eben DAS größtmögliche Wohlbefinden erreichen wollen.

Der Spruch, dass ein gesunder Geist nur in einem gesunden Körper leben kann, hakt massiv.

Ich kenne wirklich eine Menge Menschen mit sehr fiesen und sie teils stark körperlich einschränkenden Erkrankungen - doch diese Menschen sind klar, reflektiert, orientiert, haben Ziele, träumen kunterbunt und völlig barrierefrei und besitzen ein Herz so groß wie die Sonne.

Warum schämen wir uns?

Können wir Stück für Stück anstelle des Schamgefühls das Gefühl von Stolz, Selbstliebe und Achtsamkeit aufbauen und festigen? 

Gerade wir. 

Wir sind (verzeiht mir, dass das nun so platt klingt) verdammte Helden. Wir öffnen jeden Morgen erneut die Augen, obwohl uns das Gestern so oft die Luft, den Mut und die Nerven raubte, atmen tief ein und aus und stellen uns jedem neuen Tag mit all seinen Angriffen, Fragen und Dämonen und verwandeln diese in ganz persönliche Herausforderungen, Improvisationsmomente und Motivationsspritzen.

Wir, mit all unseren Handicaps und Sorgen und Ängsten, sind ein Teil dieser Welt. Dieser immer noch wunderbaren Welt. Wir helfen, sie tagtäglich wieder, immer wieder besser zu machen. Denn leider sorgen die, die erstaunlicherweise so gut wie kein Schamgefühl besitzen, von Zeit zu Zeit dafür, dass unser Wunder-voller Lebensraum versumpft und versickert.

Stellen wir uns nun vor, welche Power wir besäßen, wenn das Schamgefühl weicht und unser Leuchten immer größer würde.

Wolkendichte und die Sonne im Horizont

Wir sind gut.

Du bist gut.

Danke, dass es Dich gibt