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Thema: Reisen

Mario mit Kindern

Urlauben mit Madame S.

Es ist mal wieder soweit, Urlaubszeit. Ein jeder freut sich auf die bezahlten, freien Tage im Jahr. Der eine mehr, der andere weniger. Ich ganz persönlich kann es kaum erwarten Urlaub zu haben. Und dafür gibt es einen ganz banalen, kitschigen Grund: Ich liebe es einfach Zeit mit meiner Familie zu verbringen.  

Seit geraumer Zeit nun verbringen wir diese schöne Zeit im Jahr nicht nur zu viert, also meine Frau, meine beiden Töchter und ich, sondern zu fünft. Madame Sabotage (der Name ist einerseits ein Buchtitel und andererseits stellt er eine euphemistische Bezeichnung für die Krankheit Multiple Sklerose dar, welche wir uns, seit der Erkrankung meiner Frau mit der Selbigen, zu Eigen gemacht haben) hat sich vollkommen unerbeten dazu gesellt.

Durch diesen Umstand hat sich unsere Art zu „urlauben“ deutlich, ich würde fast sagen dramatisch verändert.

Den ersten Evolutionsschritt im Hinblick auf unsere Urlaube haben wir bei dem Punkt „Packen für den Urlaub“ gemacht. Als mittlerweile doch ein wenig erfahrenere Eltern schleppen wir nicht mehr jeden Ramsch zur Belustigung und Versorgung unseres Nachwuchses mit. Das ist rückblickend ein wirklich signifikanter Reifungsprozess.
Vor fünf Wochen stand ich jedoch vor der geöffneten Kofferraumklappe unseres Familienkombis und musste feststellen, dass der durch unser optimiertes Packverhalten freigewordene Stauraum durch etwas ganz alltägliches ersetzt wurde: Lebensmittel! Und zwar überproportional ersetzt. Es passte schlicht nicht alles in den Wagen.

Wir schleppen so gesehen Lebensmittel für fünf Personen mit. Nein Madame S. isst als „imaginäres Familienmitglied“ ja nicht zusätzlich, aber durch sie haben wir unser Ernährungsverhalten innerhalb der Familie komplett verändert. Wir kochen exzessiv viel, frisch, ohne Zusatzstoffe. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass sich die Paläo-Diät – also ein Ernährungsverhalten, was sich stark an der vermuteten Ernährung der Altsteinzeit orientiert und grob gesagt den Verzicht von jeglichem Getreide, Milchprodukten und Zucker bedeutet– sehr förderlich auf den Gesundheitszustand meiner Frau auswirkt. Und auf meinen.

Eine Schnecke auf einem Becher
Entdeckungen am Frühstücktisch

Seitdem kochen wir sehr viel mit Zutaten und Gewürzen, die man nicht überall kaufen kann. Ergo müssen wir uns diese mitnehmen, was o.g. logistische Herausforderungen mit sich bringt. Unsere Urlaube beginnen demnach immer mit einem mehr oder minder großen Lebensmitteltransport.

Klingt nicht weiter dramatisch, doch was heißt unsere Art der Ernährung für die Art unseres Urlaubes?
Lassen wir die Tatsache einmal außen vor, dass wir aufgrund der Begleitung durch Madame S. nicht in Regionen mit zu heißem Klima reisen (das verstärkt unglücklicherweise die Krankheitssymptomatik bei meiner Frau) und konzentrieren wir uns der Einfachheit halber nur auf den Versuch, für unsere Urlaubsgestaltung und die Art unserer Ernährung eine gemeinsame Schnittmenge zu finden.

Hotelurlaube? Fallen flach. Urlaub in „gemütlichen Pensionen“? Gleichfalls Fehlanzeige.

Es war schon schwer genug gegen die manifestierte Brotregentschaft innerhalb der einzelnen Familienzweige anzukämpfen. Unsere, zu Beginn unserer Paläo-Zeit, unternommenen Erklärungsversuche ggü. Bedienungen, Köchen und Eignern von Gastronomie- und Hotelleriebetrieben, warum, weshalb und wieso wir unser Essen gern so wie gewünscht und nicht anders hätten, waren frustrierend. Paläo was? Genau, erklären sie das einmal jemanden, der so durchschnittlich isst, wie ein, sagen wir, durchschnittlicher Deutscher.

Das hieß aber leider auch, dass ein wesentlicher Teil uns bis dahin bekannter Urlaubsfreuden von heute auf morgen abhanden gekommen ist. Keine Pasta auf der Piazza zur Mittagszeit. Kein spontaner Milchkaffee beim Spaziergang durch die Altstadt einer iberischen Insel. Die von vielen geschätzte Möglichkeit ganze Länder und Kulturen über eine (wie man so schön sagt) kulinarische Reise kennen zu lernen, fiel weg. Der Erholungswert, sich einfach einmal bekochen zu lassen, gut, ausgefallen, gutbürgerlich oder landesüblich zu speisen, stellte sich durch die Erkrankung meiner Frau einfach nicht mehr ein.

Unterwegs trinken die Kinder Wasser
Unterwegs gibts meistens nur Wasser

oweit die eine Seite der Urlaubs-Medaille unserer fünfköpfigen Reisegesellschaft. Da gibt es ja noch die berühmte andere Seite.

Trotz aller Packoptimierungen können wir nicht die kompletten Lebensmittelvorräte für den ganzen Urlaub mitnehmen. Das heißt, sobald wir am Urlaubsziel angekommen sind, gehen wir auf Entdeckungsreise.

Wo bekommen wir die Zutaten für unsere Art der Ernährung her? Der einfache Supermarkt um die Ecke liefert lediglich ein paar Basics. Was wird hier in der Region angebaut und vor allem wo verkauft? Wir entdecken einen Hofladen um die Ecke, bei dem man im Gespräch mit dem anfangs knorrigen Bauern viel über seine Tiere erfährt, die die Kinder dann gleich einmal besuchen können. Auf diesem Wege lernt man auch viel über die Urlaubsregion selbst und ihre sprachlichen Eigenheiten. Die Kinder können über, aus ihrer Sicht, lustige Worte ganze Tage Albernheiten ableiten. Man erfährt im Gespräch mit dem geschwätzigen Ostfriesen, der am Strand Makrelen auf Holzkohle grillt, wo man hier den besten frischen Fisch kaufen kann. Und vor allem auch, welchen Fisch man hier so fängt. Auf den Wegen zwischen dem einen oder anderen Ort lernt unsere große Tochter ganz nebenbei das Fahrradfahren, während die Kleinere jauchzt „schnella Papa, schnella“. Sie sitzt hinter mir auf dem Fahrrad im Kindersitz, treibt mich an und hat den besten Blick von allen. Sagt sie.

Die Kinder buddeln im Sand
Die Schnecken am Nordseestrand

Im Ferienhaus angekommen, geht es an die Zubereitung der „Beute“. Ganz ohne den Zeitdruck zur Arbeit, zum nächsten Termin etc. zu müssen, können wir alle vier gemeinschaftlich kochen. Das ist von den Abläufen her nicht immer ganz einfach, meistens jedoch sehr witzig und so Selbstgekochtes schmeckt den Kindern ja immer viel besser (sie haben ja auch ganz wichtig mit umgerührt, Zutaten vermantscht etc.).

Jetzt könnte ich natürlich sagen, dass klingt nach Alltag, nur eben woanders. Ich könnte jammern, die Multiple Sklerose hätte uns viele der o.g. Urlaubsmöglichkeiten genommen. Unabhängig davon, dass ich Madame S. am liebsten gestern als heute von unserem heimischen Hof gejagt hätte, finde ich, die MS hat mir sehr viel wert- und sinnvolle Zeit mit meiner Familie mitgebracht, als sie so vollkommen ungebeten zu uns kam.