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Thema: Neustart

Rote Wolle

Von Einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen

Am Anfang stand nicht die Diagnose, sondern die Furcht. Ich erinnere mich genau und ich erinnere mich mit Grausen. Die Furcht, zu wissen, dass etwas nicht stimmt, die Furcht davor, nicht mehr gut genug zu sein, im Beruf nicht und privat auch nicht.

Plötzlich fallen Fähigkeiten und Sinne aus, die du bis dahin für selbstverständlich gehalten hast. Sie sind weg, nicht mehr da und kommen auch nicht wieder. Da mag einen schon die Furcht packen, wenn unter dir dein Leben wegrutscht. Die Erinnerung an diese Zeit zwischen Diagnose, Krankenhaus und den inneren Unzulänglichkeiten packt  mich heute noch, ich erinnere mich vor allen Dingen an das Gefühl der Hilflosigkeit. Das ist etwas, was mir am meisten Angst macht: nicht mehr Herr meines Lebens zu sein.Ich sah Horrorszenarien vor mir: Rollstuhl, Pflegebedürftigkeit, abgehängt sein, abgestempelt von Gesellschaft und Beruf, nicht mehr als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden, sondern als Behinderte, als des Mitleids bedürftig , als ….. Unheilbarer Gesellschaftskrüppel.

Grafik von DNA Strängen

Schlafraubend, Gute-Laune-mordend, Lebenswillen zerstörend, lähmend, war die Zeit in jenen Tagen der Erkenntnis oder auch des Nichtwissens, des Nicht-Wahrhaben-Wollens, der Verzweiflung. Es kam auch nicht der eine Tag, der mein Leben über den Haufen geworfen hat. Es war eine Entwicklung, so als wollten Körper und Seele sich selber heilen, therapieren, auf-die-Wunde-pusten, die scheinbar  doch nicht mehr heilen kann. Wie eine winzige Grünpflanze, die es schafft, zwischen den Ritzen in scheinbar endloser Betonwüste ihren Kopf trotzig in die Welt zu stecken, so kam mir die Veränderung im Nachhinein vor. Etwas ist passiert in jenen finsteren Tagen. Ich habe an irgendeinem Punkt eine Entscheidung gefällt.

Egal was passiert, bis dahin, bis was auch immer passiert, will ich mein Leben genießen. Die MS wohnt bei mir, die „olle Tante“ bleibt und nimmt immer mehr von mir mit. Aber sie nimmt nicht nur. Wenn man es schafft, es sehen zu wollen, dann gibt sie auch: Sie schärft den Blick fürs Wesentliche. Ich habe nicht alles hinter mir gelassen, aber ich konzentriere mich auf das, was meiner Meinung nach zählt. Das kann für jeden Anderen anders sein. Für mich begann eine herrliche Zeit der Kreativität. So als hätte die olle Tante mein wohl schon immer vorhandenes Kreativgen endgültig aktiviert.

Meine Berentung, anfangs die größte Katastrophe, ist zum Segen geworden. Ich bin selbstständig, ohne den Druck der Selbstständigkeit, ich erschaffe Dinge, ohne den Druck der Konkurrenz, ich lebe in einer bunten Welt, ohne die Angst, zu versagen.

rote Wolle

Neustart heißt, sich zu entscheiden. Trotzdem oder gerade deswegen.  Multiple Sklerose ist keine Chance, aber es ist auch nicht das Ende. Es ist das, was ich  daraus mache. Jeden Tag aufs Neue.

 

GZDE.MS.1701.0052