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Thema: Kreativität

Christina hinter einem Betonmischer

Wie die Stricknadel durch die Tür kam…

Als die Diagnose kam, fiel nach dem ersten Schrecken keine Tür ins Schloss und die Welt war auch nicht zu Ende. Im Gegenteil: ich krempelte die Ärmel hoch und beschloss, mich nicht unterkriegen zu lassen. Allerlei Trotziges und natürlich Hoffnung kreiselten durch mein Hirn: „Warum soll es bei mir so schlimm sein? So viele MS-ler gehen noch lange arbeiten, haben kaum Symptome, merken jahrelang gar nichts und überhaupt geht es ja auch manchmal gut aus.“

Ich war 48 Jahre alt, verheiratet, habe Haus, Hof, drei Kinder, zwei schon erwachsene Töchter und einen damals zwölfjährigen Sohn, Hund und Katzen, ich hatte einen tollen Job und alles war rundherum tutti. Warum sollte das nicht einfach so weitergehen? Schübe kommen und gehen und heutzutage endet bei Weitem nicht jede MS im Rollstuhl. Schließlich hatte ich inzwischen alles an Literatur zum Thema „Multiple Sklerose“ verschlungen, was Buchhandel und Internet so hergaben. 

Das dauerte ziemlich genau ein Jahr, dann war klar, dass ich gleich richtig zugegriffen hatte, und sich eine primär progrediente MS in meinem Kopf und sonstwo ausgebreitet hatte. Keine Schübe, keine Hoffnung, dass das alles schon wieder geht. Es bleibt alles schön an Ort und Stelle, was sich einmal im Körper breitgemacht hat. Die Tür, die dann ins Schloss fiel, kam in Form einer Mitarbeiterin des Sozialen Dienstes im Krankenhaus. Sie machte nicht viel Federlesens, ihre Empfehlung war diese: „Sie müssen sehen, was Sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen.“ Dann sitzt du da, hinter dir die geschlossene Tür, auf der in großen Lettern geschrieben steht, was du bis dahin für dein Leben gehalten hast: Gesundheit, Familie, Beruf, Fitness, Karriere, Sport, mittendrin sein, Leben eben…

Und vor dir? Dinge, mit denen du dich nie befasst hast: Angst, Ungewissheit, die komischen Dinge, die dein Körper plötzlich mit dir anstellt, Ärzte, die alles und vor allem nichts sagen, eine Rentenversicherung, die dich kommentarlos in die Erwerbsunfähigkeit entlässt, eine Krankenkasse, deren Mitarbeiter dich fragen, was sie für dich tun können und ein unbefristetes Rezept für den Physiotherapeuten. Aus meiner Sicht hast du genau zwei Möglichkeiten: Du bleibst hinter dieser Tür sitzen, starrst auf die großen Lettern, die dir sagen, was alles den Bach runter ist und leckst deine Wunden. Oder du nimmst deine MS und gehst einfach weiter, marschierst voran, guckst links und rechts und schaust, wo sich eine neue Tür aufmacht. Auf meiner neuen Tür stand schlicht: Stricken. Als die Kinder klein waren, habe ich gestrickt wie ein Weltmeister, in den 80er Jahren war stricken total „in“. Dann habe ich das Strickzeug genau 18 Jahre in die Schublade getan, keine Ahnung warum. Ich hatte keine Lust dazu, keine Zeit, keinen Nerv. Noch im Krankenhaus habe ich wieder mit dem Stricken begonnen, es entstanden unzählige Sockenpaare, das war sozusagen Therapiestufe 1.

Meine Welt wird bunt

Dann kam mir in den Sinn, meine Sockenwolle selber zu färben, dem Internet sei Dank, es gibt ganz wundervolle Anleitungen, wie man mit Ostereierfarbe Wolle färben kann.
Meine Welt wurde bunt. Noch mehr Wolle, noch mehr Socken. Es kamen schöne Tücher dazu, Lace stricken macht viel Spaß: aus Umschlägen und rechten und linken Maschen, zusammengestrickten Maschen und allerlei Maschenkapriolen entstehen tolle Lochmuster, die aus einem Dreieckstuch oder Halstuch ein echtes Kunstwerk machen. Vom Färben hin zu der Überlegung, wie Wolle eigentlich entsteht, war es nur ein kleiner, aber für mich entscheidender Schritt:

Der spinnerte Einfall
Ich wollte Wolle selber herstellen, ich wollte spinnen lernen. Mein Mann hat mich 100km weit kutschiert, damit ich lerne, wie eine Handspindel lose Fasern in wunderbare Wolle verzaubert. Ich war Feuer und Flamme, die Handspindel stand nicht mehr still.

zwei Handspindeln
Handspindeln

Aber ich bin ein recht ungeduldiger Mensch: es dauert doch eine Weile, bis auf der Spindel eine brauchbare Menge Wolle gesponnen ist.

So zog mein erstes Spinnrad ein: Gerti

ein Spinnrad
Gerti

Die hieß nicht schon immer so, alle meine Spinnräder bekommen von mir einen Namen. Nach einem halben Jahr waren es fünf Spinnräder, die bei uns ein Zuhause gefunden hatten, zwischenzeitlich waren es acht. Spinnräder sind Herdentiere, das weiß Jede(r), der sich mit dem Spinnen beschäftigt. Es entstand viel Wolle, bunte Wolle, weiche Wolle, Seide, Alpaka, Kamelhaar, Cashmere, ich kam aus dem Befühlen, Bestaunen, Verspinnen, wieder Bestaunen gar nicht mehr heraus. Ich hatte plötzlich mehr Wolle, als ich jemals verarbeiten kann. Der erste Handwerkermarkt kam. Die ganze Familie hat geholfen und wir hatten einen Riesenspaß. Inzwischen ist unser Kalender gut gefüllt mit Terminen zu Kunst- und Handwerkermärkten in der Region und darüber hinaus. Mit dem Spinnen der Wolle kam recht schnell der Wunsch außergewöhnliche Wolle herzustellen, einen geraden Faden spinnen „kann ja Jeder“!

So habe ich mich mit dem Spinnen von Effektgarn, Artyarn, beschäftigt.

Effektgarn
Effektgarn

„Do-it-yourself“ in rund
In dieses Garn lassen sich wunderbar Perlen mit verspinnen. Perlen von der Stange? Nö. Ich habe mit Fimo die tollsten Perlen selber kreiert:

grünes Effektgarn mit Fimo-Perlen
Fimo Perlen

Fimo ist eine ofenhärtende Modelliermasse, die genau in meine bunte Bastelwelt passt: einfach zu verarbeiten, fast grenzenlos modellierbar und in vielen Farben erhältlich. Was dann folgte, hatte wenig mit Wolle zu tun, ich habe darüber gelesen und mein Kreativgen war sofort angepiekst:

Festbetonierte Ideen
Schöne Dinge aus Beton herstellen: Es ist ganz einfach: Zement, Sand, Wasser, den Tupperdosen-Vorrat in der Küche plündern und los geht’s: Schöne Trittplatten für den Garten:

Trittplatte Mosaik
Trittplatte Mosaik

Was Nettes für die Wand:

selbstgemachte Wandbilder
kleine Wandbilder

Und natürlich Blumenschalen in allen Variationen:

selbstgemachte Blumentöpfe
Blumenschale

Inzwischen hatte die MS auch einen Namen. Ich habe ein Faible für die Namensvergabe. Sie ist die „olle Tante“. Ich habe wenig Zeit für sie. Aber manchmal macht sie mir doch gehörig einen Strich durch die Rechnung. Ich kann nicht so gut mit den Händen Sand, Zement und Wasser mischen, dafür fehlt mir einfach die Power in den Armen. Danke Tante! Ich habe ihr wenig Zeit gelassen sich ausgiebig über diesen Triumph zu freuen, ich habe kurzerhand im Internet nach einer Lösung meines Problems gesucht und auch gefunden:

Christina hinter einem Betonmischer
Bei uns ist ein Betonmischer eingezogen. Beton-bezüglich gibt’s nun kein Halten mehr…..

Eine Familie spinnt…
Aus meiner anfänglich spinnerten Idee ist ein kleines Familienunternehmen geworden. Snuselland-Wolle

…eine Familie spinnt….
Snusel, das bin ich. In meiner Internet-Anfangszeit, als ich mich durch verschiedene Foren gepostet habe, war ich auf der Suche nach einem forentauglichen Namen, der mir auch gefällt. Ich hatte damals für unsere Katzen ein Kissen gekauft, das hieß „Snusel“. Das gefiel mir und so snuselte ich mich durchs Internet. Dabei ist es geblieben. Nun „snuseln“, kreativieren und spinnen wir alle: Mein Mann spinnt sehr schönes dünnes Garn, so dünn bekomme ich das nicht hin, unser Sohn dreht kleine Videos zum Thema „Spinnen“, unsere älteste Tochter hat mit dem Stricken begonnen und unsere jüngere Tochter hat, inspiriert vom Unternehmergeist ihrer Mutter, ein eigenes Unternehmen gegründet: caros-candy-company.de. Sie backt und kreiert ganz wunderbare Cupcakes, Cakepops und andere verboten gut schmeckende Leckereien. Beim „einfach-immer weiter-gehen“ bin ich auf viele offene Türen gestoßen, wenn man mit offenen Augen durch die Welt läuft, findet sich so Vieles, was ausprobiert und entdeckt werden will. 

Ich wage die Frage: was wäre gewesen, wenn die „olle Tante“ nicht bei mir eingezogen wäre? Mir wären alle diese tollen kreativen Dinge verborgen geblieben. Und das wäre wirklich schade gewesen…

GZDE.MS.16.04.0382