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1000 Gesichter: Dreh mit Dieter - Sexualität

Bei hochsommerlichen Temperaturen kommen wir in dem kleinen Örtchen Simonswolde in Ostfriesland an. Hier wohnt Dieter in einem Einfamilienhaus, umgeben von ein paar weiteren Häusern und Ruhe. Noch lebt er hier mit seiner Ex-Freundin zusammen, ist jedoch bereits auf bestem Wege, auszuziehen. Nachdem wir uns ein bisschen beschnuppert haben und die Interview-Ecke hergerichtet ist, starten wir gleich mit unserem Gespräch. Ich bin gespannt, mehr über Dieter zu erfahren.

Aus der Rollstuhlperspektive

Seit zwei Jahren sitzt Dieter im Rollstuhl. Inzwischen hat er sich daran gewöhnt, stößt aber in seinem Alltag immer wieder auf Barrieren. Dass er, nur um eine Treppe hochzukommen, auf anderer Leute Hilfe angewiesen ist, ärgert ihn. Wir begleiten Dieter bei einem Stadtbummel durch Aurich, den er gemeinsam mit dem Freund seiner Tochter unternimmt. Beim Zigarettenkaufen am Kiosk lugt Dieter gerade so über den Tresen und der Bankautomat ist für ihn im Sitzen unerreichbar. Da er sich für einige Momente hinstellen kann, hebt Dieter trotzdem eigenständig und routiniert am Automaten sein Geld ab.

Um die Rollstuhlperspektive filmisch besser wiedergeben zu können, schiebe ich unseren Kameramann in einem zweiten, extra von Dieter organisierten Rollstuhl vorwärts hinter oder rückwärts vor ihm her. Dies gestaltet sich als abenteuerliches Unterfangen, das mir einiges an Kraft abverlangt. Unser Kameragefährt möglichst gleichmäßig durch die holprigen Straßen zu manövrieren, ist gar nicht so einfach. Aber es macht sehr viel Spaß.

Neben den infrastrukturellen Barrieren im öffentlichen Raum sieht Dieter sich auch mit sozialen Barrieren konfrontiert. Seitdem er im Rollstuhl sitze, bemerke er oft Berührungsängste, vor allem bei unbekannten Menschen, so Dieter. Als ich ihn im Interview frage, ob er das Gefühl hätte, dass seine Umwelt ihn anders wahrnehme, seitdem er MS habe, schildert er, dass es ihm so scheint, als würden ihn viele lediglich als Rollstuhlfahrer und nicht als Person im Rollstuhl sehen. Sein Körper mag vielleicht an den Rollstuhl gebunden sein, sein Charakter und Wesen sind es aber nicht. Dieter betont: „Ich bin ja immer noch ich.“ Er berichtet, dass er versucht, der Kontaktvermeidung entgegenzuwirken, indem er die Leute offen anspricht und fragt, ob sie etwas über ihn wissen wollten. Aus seiner praktischen und direkten Art heraus betreibt er somit ein Stück weit Aufklärungsarbeit, die mit etwas Glück zu einem größeren gegenseitigen Verständnis und mehr gesellschaftlicher Achtsamkeit beiträgt. Vielen Dank für dein Engagement, Dieter.

Makting of mit Dieter – Sexualität und MS

Sex: ein Thema, wie jedes andere auch

Ebenso pragmatisch ist Dieters Einstellung zum Thema „Sex“. Er berichtet, dass über Sexualität in Verbindung mit MS sowohl im öffentlichen Diskurs als auch unter MS-lern wenig geschrieben und geredet werde. Er sieht es jedoch weniger gehemmt und meint, durch die MS verursachte sexuelle Störungen gehörten genauso thematisiert wie Fatigue oder kribbelnde Füße. „Wenn man Probleme hat, dann muss man ja nach Lösungen suchen. Und wenn man nicht redet, kann man auch keine Lösungen finden.“

Sein Leben leben

Dieter sagt, dass die MS zwar ein Teil von ihm sei, für ihn aber nicht im Vordergrund stehe. Als ich frage, was denn für ihn im Vordergrund stehe, antwortet er: „Das Leben. Meine Kinder, meine Eltern, das Leben.“ Zwei seiner drei Kinder wohnen in Süddeutschland, seine jüngste Tochter jedoch ganz bei ihm in der Nähe in Ostfriesland. Wir haben die Ehre, Dieter und seine Tochter bei einem Ausflug ins Schwimmbad begleiten zu dürfen. Es ist schön, beide im Wasser lachen und herumalbern zu sehen, und es ist berührend, Aufnahmen von einem stehenden und gehenden Rollstuhlfahrer zu machen. Das Wasser schenkt Dieter eine Leichtigkeit, die ihm die Schwerkraft an Land nimmt. Eine Leichtigkeit, die bewirkt, dass er laufen kann. Neue Hoffnung, dass er auch sonst seine Fähigkeit zu laufen, wenigstens teilweise, zurückgewinnen kann, schöpft er aus einer frischen Beziehung. Seine neue Freundin ist ebenfalls an den Rollstuhl gefesselt. Mit vereinten Kräften und der positiven Energie, wie nur ein frisch verliebtes Paar sie hat, wollen sie gemeinsam das Projekt „Laufen lernen“ in Angriff nehmen. Er meint, „die Liebe, das gibt mir Energie.“ Auf dass sie euch zum Laufen bringt, lieber Dieter.

Makting of mit Dieter im Schwimmbad – Sexualität und MS
Makting of mit Dieter in der Schwimmhalle – Sexualität und MS