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Thema: Verluste und Gewinne

1000 Gesichter: Dreh mit Jann - Verluste und Gewinne

Jeder Dreh ist ein besonderer und doch war dieser nochmal auf eine ganz andere Weise neu und aufregend. Klar habe ich auch schon viel mit Angehörigen über ihre Gefühle der MS gegenüber geredet, aber noch nie war es so intensiv wie mit Jann.

Der Dreh mit Jann

Jann ist aus der Schweiz und so war für uns erst einmal ein kleiner Roadtrip angesagt, denn von Hamburg bis in den Norden der Schweiz nach St. Gallen sind es ein paar Kilometer. Schon im Vorgespräch hat Jann mich gewarnt, dass er zurzeit eigentlich ständig unterwegs ist und wir sicherlich auch nochmal mit Zug reisen werden während der Dreharbeiten. WIE viele Kilometer wir dann letztendlich in der Schweiz hinter uns gebracht haben, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.

Autofahren

Am ersten Drehtag haben wir uns am Morgen auf den Weg nach Bern zur Mitgliederversammlung der Schweizer MS Gesellschaft gemacht. Jann wollte dort unbedingt Luana – eine Protagonistin aus seinem Film – unterstützen, die an diesem Tag einen Preis für Engagement verliehen bekommen hat. Das anschließende Treffen der beiden Abseits der Versammlung durften wir mit der Kamera begleiten.

Luana ist ein Mensch voller Energie und Kraft, das habe ich gespürt, ohne sie groß kennenzulernen. Es sprüht ihr förmlich aus den Augen. Und ich freue mich für Jann, dass er so eine inspirierende Person in seinem Leben hat.

Filmdreh

Später am Abend begleiten wir Jann auf ein Konzert, wo er Fotos von der Band schießt. Am nächsten Morgen dann steht unser Interview auf dem Plan. Es ist ein langes, intensives Gespräch, bei dem ich schon während wir es führen weiß, dass es unglaublich schwer werden wird, am Ende eine nur achtminütige Geschichte daraus zu erzählen. Jann erzählt mir viele kleine Momente und Emotionen aus seiner Kind- und Jugendzeit, in der er sich von seiner Mutter durch die MS entfremdet hat.

Daraufhin hat Jann das gleiche Ventil wie ich benutzt, um diese große Blase der Unwissenheit zu durchbrechen: er hat einen Film über MS gemacht. Wie ich damals ist er losgezogen und hat sich andere Betroffene gesucht, mit ihnen gesprochen und sie ein Stück ihres Lebens begleitet. Wir finden im Gespräch so unglaublich viele Gemeinsamkeiten in unserem Erfahrungsschatz mit unseren Filmen – und doch könnten die Endprodukte unterschiedlicher nicht sein. Aus logischen Gründen, denn Jann hat die MS aus einer anderen Perspektive und mit einem ganz anderen Gesicht kennengelernt.

junger Mann am Laptop

Am Abend darf ich ihn dann zu seiner Mutter ins Pflegeheim begleiten. Dieses Vorhaben hatten wir bereits am Vortag geplant. Jedoch muss ich gestehen, dass ich die ganze Nacht im Hotel darüber nachgegrübelt habe, ob ich mitgehen möchte. Letztendlich habe ich mich aber dafür entschieden und bin froh, dass ich dabei war. Zu erleben, wie liebevoll Jann mit seiner Mama umgeht und wie er ihr auf Französisch vorliest, war ein ganz besonderer Moment für mich.

Würde ich Jann einfach so irgendwo treffen und mit ihm ins Gespräch kommen, würde ich ihn wohl niemals auf seine jungen 19 Jahre schätzen. Die Erfahrungen mit seiner Mutter und mit seinem Film haben ihn sehr sehr reifen lassen.

Unser Thema ist Gewinne & Verluste. Ich bin tief beeindruckt, was für einen Gewinn Jann nach dem Verlust seiner Mama aus dieser Situation heraus für sich entdecken konnte.

GZDE.MS.16.08.0950